Das schönste Geschenk

Man kann sich viel wünschen. Ein Perlenarmband, ein elektrisches Keyboard, oder einen Besuch im Disneyland. Das alles ist natürlich eine Frage des Geldbeutels; nichtsdestotrotz scheinen Eltern an Weihnachten besonders viel Zaster für ihre Lieben auszugeben. Ich wünsche mir dieses Jahr jedoch eine Sache, die wenig kostet: Meinen Papa.

Er ist ein beschäftigter Mann, mein Papa. Als Anwalt arbeitet er für eine große Kanzlei, die überall im Land vertreten ist und schon viele wichtige Fälle angenommen hat. Letztes Jahr hat Papa einen bekannten Schauspieler vor Gericht verteidigt – und gewonnen. Und auch in diesem Jahr war er ständig unterwegs gewesen, um seine Mandanten vor Ort zu unterstützen.

Am 24. Dezember, also am Heiligen Abend, sollte Papa aus Berlin heimkommen. Er hatte dort eine kleinkarierte Künstlerin vertreten, die aufgrund eines ihrer Gemälde in einen Rechtsstreit geraten war. Papa hatte mir kürzlich erst geschrieben, dass er bald daheim sein würde. Doch der Schneesturm, der seit Tagen über das Land fegte, schien ein baldiges Wiedersehen unmöglich zu machen. Denn die Flughäfen sagten alle anstehenden Abreisetermine ab und auch die Schienen der Bahn waren unmöglich zu befahren. Alle Mietwagen waren darüber hinaus bereits ausgebucht.

Ich war traurig. Denn statt mit meinen beiden Eltern fröhlich am Kaminfeuer Mensch-Ärgere-Dich-Nicht zu spielen und heiße Schokolade zu trinken, mussten meine Mutter und ich wohl alleine Weihnachten feiern. Enttäuscht nahm ich das dritte Gedeck vom Tisch und verstaute Papas Geschenk wieder im Schrank. Weihnachten war für mich gelaufen.

Meine Mutter, die nicht gern das Handtuch warf, saß auf Papas Schreibtischstuhl und dachte nach. Plötzlich schien ihr eine Idee zu kommen. Sie schlug vor, mit dem Auto nach Berlin zu fahren und Weihnachten im Hotel mit Papa zu verbringen. „Der Schnee ist stark, ich weiß. Aber mit etwas Proviant überstehen wir die Fahrt sicher. Ich rufe deinen Vater an und sage ihm, dass wir kommen werden. Packst du uns etwas heiße Schokolade und Kekse ein?“

Und so kam es, dass Mama und ich kurzerhand im Wagen saßen und nach Berlin fuhren. Die Straßen waren mit Schnee bedeckt, aber auffallend leer. Die meisten Menschen mussten schon bei ihren Familien sitzen und Weihnachtsbraten futtern. Bis auf den Winterdienst verirrte sich kaum jemand auf die Autobahn. Die Fahrt zog sich einige Stunden, aber mit Plätzchen und Kakao brachten wir die Zeit auf der Straße leicht hinter uns.

Angekommen im Hotel, wurden wir schon freundlich vom Personal in Empfang genommen. Aufgeregt sprang ich die Treppen hinauf bis hin zum Zimmer meines Vaters. Vorsichtig öffnete ich die Tür. Im Raum entdeckte ich zuerst einen improvisierten Weihnachtsbaum aus grünen Ästen, daneben einen Stapel Gesellschaftsspiele und drei Schachteln Pizza. 

Mein Vater trat plötzlich aus einer Ecke hervor und schloss mich fest in die Arme. Sein Gesichtsausdruck verriet mir, dass er überglücklich war, uns beide zu sehen. Enttäuscht teilte ich ihm jedoch mit, dass ich sein Weihnachtsgeschenk im Schrank vergessen hatte. Mit einem breiten Lachen im Gesicht antwortete mein Vater: „Mit dir Weihnachten zu feiern ist das schönste Geschenk!“

Ein froher Duft

Ein froher Duft weht durch das Haus
Die Weihnachtsglocken klingen
Mama holt die Plätzchen raus
Die Nachbarskinder singen.

An Weihnachten ist jeder nett
Die Menschen wollen lachen
Und wenn ich krieche aus dem Bett
Kocht Mama feine Sachen.

Uromas Weihnachten

Es ist Heiligabend, der 24. Dezember. Der Beginn der Weihnachtsfeiertage. Ich wärme mich am Kaminfeuer und höre das Holz knistern. Mir gegenüber sitzt Uroma. Sie hat es sich in ihrem roten Sessel bequem gemacht. Die alte Decke aus Schafswolle hängt immer noch über der Lehne. Das tut sie eigentlich seit ich denken kann. Als wäre es nie anders gewesen. Als gehöre sie einfach dort hin. 

„Mein Junge“, beginnt Uroma den Dialog, „Was hast du dir denn dieses Jahr zu Weihnachten gewünscht?“ Schon bevor sie den Satz zu Ende gesprochen hat, weiß ich schon tausend Antworten. Da ist dieser Rucksack, den ich neulich im Internet gesehen habe. Oder die großen Kopfhörer, die im Bus jeder trägt, damit man die Gespräche der anderen Menschen nicht hören muss. Oder die Eintrittskarte für Rock im Park im nächsten Jahr.

 „Gewünscht habe ich mir viel. Ich hoffe, dass meine Eltern wenigstens eines der Dinge besorgt haben. Was hast du dir eigentlich gewünscht, als du in meinem Alter warst?“, will ich von ihr wissen. Plötzlich scheint meine Urgroßmutter nachdenklich zu werden, denn ich sehe, wie sie mich mit einem ernsten Blick mustert. „Ich? In deinem Alter?“, sagt sie, als hätte sie die Frage nicht richtig verstanden. „In deinem Alter hatten wir keine Wünsche. Naja, einen Wunsch zumindest hatten wir doch: Frieden. Für die Menschen in unserem Land und alle anderen Menschen auf der Welt. Wir haben kaum etwas besessen, denn man hat uns damals alles weggenommen. Unsere Eltern, unsere Geschwister unsere Nachbarn. Ja, nicht einmal den Frieden mit uns selbst haben sie uns gelassen. Wir verbrachten die Feiertage meistens mit Warten. Worauf, das kann ich dir nicht sagen. Auf den längst verloren geglaubten Ehemann, auf ein warmes Abendessen und manchmal auch einfach nur auf ein nettes Lächeln.“ 

Während meine Urgroßmutter von früher erzählt, merke ich, wie sehr sie scheinbar längst vergangene Zeiten noch immer verfolgen. Ein Gefühl von Scham überkommt mich. Ich schwärme von irgendwelchen Rockkonzerten und unnötigem Kram, während meine Uroma an Weihnachten wahrscheinlich nicht einmal eine warme Mahlzeit hatte. „Du bringst mich zum Nachdenken“, sage ich und schnappe mir mein altes Notebook. „Ich muss deine Geschichte aufschreiben. Jedes einzelne Wort. Und werde dann andere junge Menschen bitten, sich mit ihren Großeltern über früher zu unterhalten. Alle sollen daran erinnert werden, dass wir Weihnachten genießen sollten. Aber nicht, weil wir mit Geschenken überhäuft werden oder wir essen können bis uns übel wird. Nein. Wir sollten Weihnachten genießen, weil wir es in Frieden feiern können. Mit unseren Familien, Freunden und Bekannten. Denn das ist nicht schon immer selbstverständlich.“ Meine Urgroßmutter, die normalerweise keine Frau großer Gefühle ist, beginnt zu weinen. Eine weiche Träne wandert über ihre faltigen Backen und landet schließlich auf dem Strickpullover. Ich nehme die alte Dame in den Arm und lege meinen Kopf auf ihre Schulter. Nach einiger Zeit schlafen wir ein und ich träume von Krieg, Angst und Einsamkeit. 

Ein aufdringlicher Geruch von Rosmarin und Bratensoße befreit mich schließlich aus meinem Albtraum. Ich stehe vorsichtig auf, um Urgroßmutter nicht zu wecken, die noch immer friedlich in ihrem Sessel liegt und schnarcht. Meine Mutter bittet mich zu Tisch und beginnt die Teller zu verteilen. Sie sind blau bemalt und aus Porzellan. Nur an Weihnachten, also genau einmal im Jahr, werden die Teller benutzt. Sonst interessiert sich niemand für sie. Vergessen liegen die antiken Teller im Schrank und schlummern unter einer Staubschicht.

Als meine Mutter den Braten an den Tisch bringt, möchte ich meine Urgroßmutter wecken. „Sei still und lass die arme Frau schlafen, Junge. Sie ist müde und erschöpft. Ihre Knochen tun weh und in letzter Zeit bekommt sie sowieso nur selten ein Auge zu.“, meint meine Mutter in einem Ton, der mir deutlich macht, wie ernst es ihr ist. Das Argument überzeugt mich allerdings nur wenig und so gehe ich auf den Sessel zu, um Uroma aufzuwecken.

Mit gläsernen Augen starrt die Neunzigjährige auf den reich gedeckten Gabentisch. Ihre Mimik verrät mir, dass  meine Entscheidung richtig war. Ein Bauchgefühl. Meine Eltern werfen mir jedoch einen wütenden Blick zu und mein Vater meint schließlich: „Du hättest Oma schlafen lassen sollen. Du merkst doch, wie erschöpft sie ist.“ Entschlossen schüttle ich den Kopf und sage: „Sie hat Weihnachten schon zu oft verpasst. Das soll nie wieder so sein. Heute sind wir alle beisammen; die Familie, die Katzen und ein feines Festmahl. Ich lasse nicht zu, dass Uroma das verschläft.“ Zum ersten Mal an diesem Abend sehe ich, wie sich ein Grinsen auf dem Gesicht der alten Frau abzeichnet. „Danke“, flüstert sie in meine Richtung und schnappt sich das letzte Stück Rinderbraten.

Hans geht Heim

Hans hasst es, wenn es anfängt zu schneien und er in seinen Stoffschuhen nasse Füße bekommt. Im Oktober geht das noch mit den Stoffschuhen. Denn da ist es zwar kalt, aber nicht nass. Nun ist Ende November und Hans hat schon genug vom bevorstehenden Winter. 

Er schaut auf die große Tanne neben dem Feldweg. Hier kommt er jeden Tag vorbei, wenn er nach der Arbeit heim läuft. Auf dem Nadelbaum liegt eine dünne Schicht weißes Pulver. Und das nervt Hans. Im Büro haben alle davon gesprochen, wie sehr sie sich auf den Winter freuen. „Schon hundert Wochen vorher machen die Menschen mega Aufriss, weil sie wollen, dass endlich Weihnachten ist. Aber sobald Schnee vom Himmel kommt und auf den Straßen das Chaos ausbricht, wollen alle den Winter loswerden. Als sei er ein ungebetener Gast, der einfach nicht heim gehen will. Aber mir geht es ja nicht anders. Weihnachten in Honolulu, das wär’s.“, denkt Hans und läuft weiter seinen Weg in Richtung Wald.

Einige Meter weiter macht Hans erneut Halt, denn er kommt an einem alten Fahrzeug vorbei. Es ist das Taxi, das schon seit fünfzehn Jahren am selben Zaun steht und nie fortbewegt wird. Im Ort erzählt man sich verschiede Gruselgeschichten über den verlassenen Wagen, denn keiner weiß eigentlich, wem die Schrottkiste gehört. „Da sollen die Kinder nur aufpassen, wenn sie hier spielen, denn die Seele des bösen Taxifahrers schleicht immer noch im Wald herum. Mit seinem Gurt erwürgt er die Gören.“, flüstert Hans, als würde er jemanden erschrecken wollen. Dann lacht er laut, denn Hans selbst schenkt der Geschichte keinen Glauben. „Die Leute im Ort erfinden immer die kuriosesten Schauergeschichten. Dumme Wichtigtuer sind sie alle miteinander!“, denkt er sich. Hans runzelt kurz die Stirn, dann wendet er sich wieder dem Auto zu.

Auch das Taxi ist leicht mit Schnee bedeckt und steht ganz still an Ort und Stelle. Als würde es sagen wollen: Ich bin unschuldig. Die kalten Monate werden an meinem Lack nagen, deshalb muss ich nun mehrere Wochen schlafen. „Ich hoffe, dass der Winter sehr schnell vorbei ist! Dann werde ich dich fit machen für die Straße. Die Leute werden blöd schauen, wenn sie sehen, dass ich mit der alten Karre durch den Ort fahre.“, sagt Hans zu dem Wagen, als könnte dieser ihn verstehen. Hans weiß aber, dass die Unterhaltung schwachsinnig ist. Er ist ja nicht dumm. Deswegen läuft er weiter, um nicht zu spät heim zu kommen. Er hat eigentlich nur das kurze Waldstück zu durchstreifen – fast ist er schon da. Hans läuft schneller, denn die Sonne verlässt den Horizont und ihm ist nicht ganz wohl, so alleine im Wald. Seine Stoffschuhe sind schon klitschnass.

Knack. „Was war das? Ein Ast? Ein Tier?“,  fragt sich Hans, als er plötzlich etwas hört. Ein Gefühl von Panik erfasst seinen dünnen Körper. Hier hat sich doch gerade jemand bewegt? Hans blickt sich um und entdeckt es: Kleine Hände am Waldrand ragen aus dem Schnee. Vorsichtig nähert er sich der Stelle und erschrickt: Der hilflose, tote Körper des Nachbarmädchens liegt auf dem Boden. Auf ihrem nackten Hals liegt etwas Schwarzes. Es ist der Gurt aus dem Taxi.

Das übertrifft alles, was Hans je gesehen hat. Ihm wird kalt. Es ist doch nur eine Schauergeschichte! Das kann es nicht geben! In diesem Moment wünscht sich Hans, dass meterhoch Neuschnee fällt, um den leblosen Körper zu bedecken und den schlimmen Anblick unter sich zu begraben. Und weil er Angst hat und seine Stoffschuhe nass sind, rennt er heim.

Viele Stücke vom selben Kuchen

Wer Soziologie studiert, der beschäftigt sich früher oder später mit rätselhaften Begriffen wie „Allokation“ oder „Probleme öffentlicher Gemeingüter“. In der Regel ist damit nichts anderes gemeint als die faire Gestaltung unseres täglichen Zusammenlebens. Das fängt schon bei der Bahnhofstoilette an und zieht sich über die Mehrwertsteuer hin zum Abitur. Doch wer entscheidet eigentlich, was fair ist? Und warum reden hauptsächlich Forscher über Fairness und nicht schon Kindergartenkinder?

Was gut für alle ist, ist nicht immer gut für jeden 

Ressourcen sind knapp. Das ist keine Überraschung, auch kein Geheimnis. Wir baden nicht alle in endlos viel Geld und können uns nicht alle ein Haus auf dem Land kaufen. Denn wenn das so wäre, bräuchten wir ja auch keine Volkswirtschaft. Diese lebt nämlich von der Verteilung knapper Ressourcen. Land, Besitz, Bildung. Jeder soll ein ein Stück vom Kuchen abbekommen, quasi. Dass die Kuchenstücke nicht immer gleich groß sind und manche nur Krümel abbekommen, während andere vergnügt in die Mitte beißen, ist leider unfair. Wir selbst, und damit meine ich hauptsächlich uns Otto Normalverbraucher, haben aber das Bewusstsein für die Knappheit von Ressourcen verloren. Denn wenn wir durch den Supermarkt laufen, leiden wir eher an einer Reizüberflutung statt an einer Dankbarkeit für die fleißigen Landwirte. Deshalb beschäftigen sich hauptsächlich Forscher mit der Frage, wie man knappe Ressourcen fair verteilen kann. Das Problem: Die sind auch nur Menschen und können sich deshalb keine 82 Millionen Bürger*innen im Detail anschauen und überlegen, was das Beste für jeden ist. Sondern immer nur, was das Beste für alle ist. Aber was gut für alle ist, ist nicht immer gut für jeden. 

Aber was ist eigentlich gut für jeden?

Dass wir nicht alle in Geld schwimmen oder ein Landhaus besitzen können, haben wir ja bereits erörtert. Der Anspruch sollte also nicht sein, dass wir alle wunschlos glücklich sind. Aber eine allgemein faire Verteilung – das wär’s doch. Eine sichere Bleibe, genug Geld für Essen und ein Zugang zu Bildung, Kultur und nicht zuletzt medizinischer Versorgung wären bereits ausreichend. Menschen die ihre Miete nicht mehr bezahlen können, Rentner die in Mülltonnen nach Leergut suchen oder Kinder in Armut beweisen jedoch, dass wir uns von der fairen Verteilung immer weiter wegbewegen. 

Ein weiteres Beispiel: Immer mehr Schulabgänger entscheiden sich dafür ein Studium zu beginnen. Die Gründe sind laut Handelsblatt unterschiedlich: Die Berufsaussichten für Akademiker sind gut und sowohl Arbeitswelt als auch Gesellschaft haben sich verändert. Das ist auch kein Wunder, wenn man bedenkt, dass in Deutschland geplant, gezeichnet und entworfen wird. Aber letztendlich nicht produziert. Das wird hauptsächlich aus Kostengründen im Ausland gemacht. Und die Akademiker, die dann in Deutschland planen, zeichnen und entwerfen, verdienen gutes Geld. Während viele, die noch echter Handarbeit nachgehen, vom Mindestlohn leben müssen und ihre Miete nicht mehr bezahlen können. Die Schere zwischen Arm und Reich wird also wirklich immer größer. Dabei sind auch für Handwerker die Jobaussichten – zumindest in der Theorie – super gut. Denn Haare schneiden sich genauso wenig von selbst wie sich Fließen von alleine verlegen. Es wird also früher oder später ein enormes Ungleichgewicht entstehen; und dann sitzen gut bezahlte Akademiker unter ihren teuren Dächern und starren die Löcher an, die niemand stopfen kann.

Der Kommunismus ist kein Erlöser

Dass uns nur noch eine Planwirtschaft erlösen kann, streite ich an dieser Stelle aber auch gerne ab. Wir brauchen die Volkswirtschaft. Sie bestimmt selbst, welche Ressourcen wir wo und wann sinnvoll einsetzen können. Was fair ist. Doch wie überall braucht es auch hier gute Spielregeln. Denn wenn diese fehlen und sich niemand mehr verantwortlich fühlt, dann bricht das System zusammen. Und natürlich macht diese Spielregeln der Staat. Er legt den Mindestlohn fest, er subventioniert Landwirte und er bestimmt letztlich den Steuersatz. Aber vielleicht sollten wir der „unsichtbaren Hand des Marktes“ mehr Selbstbestimmung zuschreiben. Denn niemand mag zu viele Spielregeln.  

Wenn wir also schon im Kindergarten feststellen, dass jeder andere Talente hat, die sich super ergänzen lassen, hätten wir vielleicht schon gewonnen. Und wenn wir dann auch noch lernen, dass jede Kartoffel einen Preis hat, der jenseits des Kassenzettels Menschen versorgen muss, könnten wir vielleicht in einer faireren Welt leben. Für beides braucht es aber vor allem Eines: gegenseitige Wertschätzung. 

Der Tod klopft auch an deine Tür

Wenn ich aus dem Fenster blicke, sehe ich viele Menschen, die glücklich sind. Vielleicht liegt es daran, dass die unerträgliche Hitze der letzten Monate endlich vorüber ist, oder es liegt daran, dass bald Weihnachten ist. Aber es ist doch erst Oktober! Werden die meisten jetzt entsetzt feststellen. Wie kann man da schon an Weihnachten denken? Eine gute Frage. Aber wer sich genauer umschaut, findet die Antwort überall. Denn Menschen sind ungeduldig. Es kann ihnen niemals schnell genug gehen. Egal ob Frühling, Sommer, Herbst oder Winter: Immer wartet schon das nächste Projekt, die nächste Feier, das nächste große Erlebnis. Dabei vergessen sie, das Jetzt festzuhalten. Das Leben.

Die Menschen wollen sich jedoch permanent mit anderen vergleichen. Mit dem Nachbarn, der das größere Auto fährt, mit der Großtante, die zwei akademische Grade besitzt oder mit den Adoptiveltern aus dem Schulchor, die gerade ihr Traumhaus bauen. Das Eigene ist nie gut genug und kleine Freuden wertlos. Man rennt nach einem langen Tag im Büro in das nächste Baumarktgeschäft, um neuen Rollrasen zu kaufen, damit jeder sieht, wie gepflegt das eigene Anwesen ist. Die Türe ist frisch gestrichen und an der Schwelle hängen bunte Blumen, die je nach Saison eine andere Farbe haben. Dass der Tod aber eines Tages an diese Türen klopfen wird und dann niemand mehr hinsehen will, daran wollen sie nicht denken. 

Ich jedoch möchte nicht an diesem wahnsinnigen Lebenswettbewerb teilnehmen. Generell werde ich das nie wieder tun. Seit mir Tante Eva von der Diagnose erzählt hat, sehe ich die Welt mit anderen Augen. Denn das Leben ist endlich, und die Menschen rennen dauernd davor weg. Haltlos und gestresst. Überarbeitet und unterwegs. Dieses Trauerspiel will nicht aufhören. Also habe ich beschlossen, einen Ausweg zu finden und mich für eine Weile zurückzuziehen.

Und ich habe es geschafft. Denn ich verweile hier in einem romantischen Fachwerkhaus, das meiner Tante Eva gehört, lausche meiner Lieblingsband und starre aus dem Fenster. Ich habe keine Pläne für den Tag. Ich habe keine Einkaufsliste und ich habe niemanden, der mich zu etwas drängt oder auf mich wartet. Außer einer krummen Staffelei, die ich im Schuppen gefunden habe. Vielleicht werde ich später malen. Eine Landschaft, einen Kürbis oder ein anderes herbstliches Motiv. Ein berühmter Maler wird aus mir zwar nicht werden, aber ich denke Giuseppe Arcimboldo wäre stolz gewesen. Er hätte sich bestimmt darüber gefreut, dass fünfhundert Jahre später jemand um die Ecke kommt und die schönen Dinge des Lebens festhält. Still und friedlich.

Vielleicht ist auch meine Tante Eva irgendwann stolz, wenn sie sieht, was ich ihr hinterlassen werde. Denn es bleiben mir nur noch wenige Tage, dann wird der Tod an der Türe des Fachwerkhauses klopfen und mich zu sich holen. Er wird sich am Abend vor Allerheiligen unter die Masse mischen und mit seinem schwarzen Gewand um die Häuser ziehen, um sich zu nehmen, was er will. Und er will mich. Tante Eva hat mich wochenlang gepflegt und dagegen angekämpft. Aber der Gegner war zu stark. Sie wird bald nicht mehr viel von mir haben. Die Erinnerung wird mit den Jahren verblassen. Aber vielleicht holt sie eines Tages das Bild aus einem alten Karton und hängt es auf. Als Erinnerung an den Moment, der so still war und so friedlich.

Umweltsünderin

Vergib mir Herr, denn ich habe gesündigt. Ich habe eine Flugreise gemacht. Bin mit dem Jet auf eine ferne Insel geflogen, habe unfassbar viele Kilometer hinter mich gebracht und deswegen auch massiv CO2 verursacht. Mist.

„Flight-Shame“ ist das neue Unwort

Fernreisen. Was vor einigen Jahren noch als ein aufregendes Erlebnis junger Menschen verstanden wurde, gilt jetzt schon fast als Tabu. „Flight-Shame“, zu deutsch „Flug-Scham“, hat schon jetzt das große Potential, Unwort des Jahres zu werden. Im Genaueren bedeutet der Begriff, dass Personen sich für ihre Flugreisen rechtfertigen müssen, ja teilweise sogar dafür schämen. Denn durch den Flug wird, wie oben bereits erwähnt, viel Kohlenstoffdioxid freigesetzt. Und das, wie wir alle wissen, ist schlecht für unser globales Klima.

Was also tun? Sich in die Ecke stellen und schämen? Keinem vom Flug erzählen – oder besser noch: niemals mehr fliegen? Die Antwort ist natürlich, wie eigentlich fast alles im Leben, weder schwarz noch weiß. Jemanden für seine Reise zu verurteilen wäre genauso falsch, wie Flugreisen generell zu verbieten. Denn was solche Reisen fördern – und da versteht mich sicher jeder, der bereits andere Länder besucht hat – das Miteinander. Toleranz, Kulturerlebnisse und Interesse aneinander sind einige Stichpunkte, die an einem jeden Reisenden haften bleiben. In einer Zeit in der Rassismus und Fremdenfeindlichkeit langsam wieder Einzug in Parlamente halten, ist es umso wichtiger, dass wir über unseren eigenen Tellerrand hinausblicken und andere Kulturen wertschätzen. Das geht am besten, wenn man diese Kulturen auch im echten Leben kennenlernt.

Aber das ist der Umwelt doch egal?!

Klar, das ist der Umwelt egal. Beziehungsweise dem Klima. Der Flieger setzt trotzdem CO2 frei. Es braucht also einen Weg, um einen Ausgleich zu schaffen. Eine Balance – wenn man so will. Wie die aussieht, muss letztendlich jeder für sich entscheiden. Das Bewusstsein dafür, welche Verantwortung man nach einem Flug tragen muss, sollte den Anfang machen. Ich in meinem Fall werde via Atmosfair meinen Flug kompensieren. Ich werde also einen Betrag (errechnet an der von mir verursachten CO2-Menge) an die Organisation spenden. Mit den Geldern werden dann weltweite Projekte gefördert, welche die Menge an Kohlenstoffdioxid an einer anderen Stelle einsparen.

Man könnte jetzt behaupten, dass ich es mir damit besonders leicht mache. Ein Privileg der kapitalistischen Gesellschaft quasi. Ich treibe was ich will, und am Ende steck ich jemanden ein bisschen Geld in die Tasche. So auf die Art: „80 Euro, dann ist dat Ding aber jut bezahlt“. Aber nö nö! So wird das nicht laufen. Denn ich werde weiterhin in meinem Alltag möglichst auf Plastik verzichten, die regionale Landwirtschaft unterstützen und meinen Bedarf an Strom und Wasser niedrig halten. Außerdem habe ich vor, die nächsten Jahre auf jeden Fall in der Nähe Urlaub zu machen.

Mai (von Mailab) hat in einem ihrer Videos ein klasse Beispiel gebracht. Nehmen wir Person A. Person A hat Müll in den Wald geschmissen, obwohl er sich normalerweise für Umweltschutz einsetzt. Person B hat auch Müll in den Wald geschmissen, leugnet das aber. Und Person C hat ebenfalls Müll in den Wald geschmissen, steht aber offen und ehrlich dazu, dass ihm das egal ist. Eigentlich müssten wir C hassen, weil sein Verhalten unvorbildlich und echt uncool ist. Aber: Eigentlich finden wir Person C ganz sympathisch, weil wer wenigstens ehrlich war. Und Person B ist ein Lügner, aber das lassen wir auch noch irgendwie durchgehen. Schließlich scheint er zu wissen, dass sein Verhalten falsch war. Wen wir aber gar nicht abkönnen, ist Person A! Denn A ist offensichtlich ein Heuchler – und wir hassen Heuchler mehr als Lügner! Aber… STOP. Wir sollten C hassen, weil er offensichtlich keinen Bock auf Umweltschutz hat. Person A hat einen Fehler gemacht, aber wenigstens ist ihm der Fehler bewusst.

„Wer frei von Sünde ist, der werfe den ersten Stein.“ Dieser kluge Satz, der schon in der Bibel stand bla bla, hat bis heute nicht an Bedeutung verloren. Denn wir sind alle keine Heiligen, jeder von uns ist Klimasünder. Sich für ein bewussteres Leben einzusetzen bedeutet nicht, dass man ab sofort in einer Waldbaracke hausen muss. Es bedeutet auch nicht, dass man nie mehr Fleisch essen oder fliegen darf. Denn es bedeutet in erster Linie nur, dass man trotz des westlichen Lebensstils irgendwie versucht, ein besserer Mensch zu sein.

Herbstgefühl

Wenn Träume über Wiesen fliegen
Und Bäume bunte Blätter kriegen
Wenn Kinder durch die Pfützen laufen
Und Frauen neue Pullis kaufen
Wenn alle Kürbissuppe naschen
Und ihre nassen Hosen waschen
Dann ist Herbst.

Fremde Freundschaften

Sie war neu im Ort. Kürzlich erst war sie hergezogen. Hatte sich außer grünen Vorhängen nichts gekauft, denn sie hatte schon alles besessen. Von der Couch bis hin zu den Cocktailgläsern hatte sie alles aus der alten Wohnung mitgenommen. Etwas hatte sie dennoch vermisst. Eine Sache, die man nicht im Supermarkt kaufen konnte und auch nicht beim Möbelgeschäft um die Ecke. 

„Ich brauche Freunde.“, sagte sie leise zu sich selbst und schaute dabei vom Balkon aus hinweg über die Dächer ihres neuen Heimartortes. Ja. Freunde waren es, die sie brauchte. Sie hatte schon keine gehabt, als sie noch woanders gewohnt hatte. Doch innerlich sehnte sie sich nach Freundschaft. Nach einer Person zum Reden, Lachen und Weinen. Nach einer Person zum Nägel lackieren und zum Ausgehen am Abend. In Gedanken versunken schenkte sie sich ein Glas des besten Discounter-Rotweins ein, den sie finden konnte, und setzte sich auf ihren alten Gartenstuhl. „Die Wohnung ist ja ganz schön.“, dachte sie, „aber viel zu einsam. Ich werde mir wohl endlich Freunde suchen müssen.“

Und so kam es, dass sie einige Tage später am Dorffest teilnahm, in der Hoffnung auf neue Bekanntschaften zu treffen. Sie besorgte sich ein Bier, setzte sich auf eine freie Bank und wartete. Sie wartete, weil sie erwartete, dass man sie wohl ansprechen würde. Doch niemand kam. „Sind die denn alle nicht an neuen Freundschaften interessiert?“, fragte sie sich selbst und hielt Ausschau.

Und da sah sie sie. Perfekt! Die Frau sah aus, wie eine perfekte Freundin eben auszusehen hatte! Also sprang sie auf, um die Fremde anzusprechen und sie zu sich einzuladen. Zuhause hatte sie ja noch den Discounter-Rotwein geöffnet im Kühlschrank stehen.

Und so kam es, dass sie mit der Fremden Rotwein trank, sich unterhielt und lachte. Sie lackierten sich sogar die Nägel gegenseitig. „Besser kann es nicht sein.“, kicherte sie und fühlte sich gut dabei. Denn sie glaubte, die eine Sache gefunden zu haben, die es nirgends zu kaufen gab. Wenige Zeit später verließ die fremde neue Freundin ihre Wohnung. Doch mit ihr verschwanden auch Wertsachen aus der alten Kommode im Flur, sowie ein rosa Sparschwein, das auf ebendieser Kommode gestanden hatte.

Und so kam es, dass sie plötzlich traurig war. Sie hatte sich getäuscht in der Fremden. Sie war doch perfekt! Und dennoch war sie nichts als jemand, der seine Chance wohl zu gut genutzt hatte. Enttäuscht schenkte sie sich den letzten Tropfen Wein ins Glas und dachte daran, dass ihr etwas fehlte.

Eine Sache, die es weder im Supermarkt noch im Möbelgeschäft um die Ecke zu kaufen gab. Wahre Freundschaft. Diese war wohl schwerer zu finden als sie angenommen hatte. „Die Wohnung ist ja ganz schön. Aber ziemlich einsam. Ich brauche Freunde, denen ich blind vertrauen kann. Es muss nicht immer Tage geben, an denen wir lachen oder weinen können gemeinsam. Oder an denen wir uns viel zu sagen haben. Wir müssen uns einfach nur vertrauen können.“, dachte sie und sah dabei hinweg über die Dächer ihres neuen Heimatortes.

Von Natur aus

Gegen jedes Leiden wächst ein Kraut
Und ohne Kraut wächst jedes Leiden
Wir reißen es trotzdem aus dem Boden
Und machen die Wälder platt
Wir sägen Bäume und wollen alles roden
Am Ende bleibt kein Blatt.