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Übermenschen

In dieser komplett verkorksten Welt weiß jeder immer, was das Beste für alle anderen ist. Was sie glauben, essen, sagen oder denken sollten. Das ist im Prinzip nichts Neues. Seit es uns gibt, versuchen wir unseren Mitmenschen die eigene Meinung aufzuzwingen. Wenn nicht mit deutlichen Aufforderungen, dann eben mit nett gemeinten Ratschlägen. Dem Internet fällt in diesem Ideologien-Wirrwarr eine entscheidende Rolle zu: es funktioniert wie Brandbeschleuniger und macht aus Meinungs-Mücken ganze Elefanten. Aus Facebook-Freunden Feinde und aus Familienmitgliedern gegensätzliche Lager.

Weil wir nicht mehr zuhören

Normalerweise hätte ich mit der Schlussfolgerung gewartet und die Zwischenüberschrift mit einer Frage versehen. Der Grund für das tägliche Auseinanderdriften unserer Gesellschaft liegt aber auf der Hand. Er muss nicht lange gesucht oder erörtert werden. Klar ist: wir hören uns gegenseitig nicht mehr zu. Und vielleicht haben wir das auch noch nie so richtig. Denn wir urteilen meist schon, bevor unser Gegenüber mit dem Sprechen begonnen hat. Bevor Argumente genannt werden. Oder Sorgen. Wir sind in unserer Weltsicht so festgefahren, dass wir kaum andere Perspektiven einnehmen mögen. Oder können. Und wenn wir dann endlich an der Reihe sind, feuern wir los. Lassen alle Erfahrungen raus, die sich über einen gewissen Zeitraum angesammelt haben. Puff! Ohne darüber nachzudenken, ob die eigene Perspektive als Maßstab für andere genügt.

Du & ich & alle

Selbstverständlich gibt es auch Meinungen, die keine sind. Für Rassismus, Hass und Homophobie darf kein Platz sein. Und die aktuelle Pandemie zu leugnen hilft ebenso niemandem weiter. Hier müssen klar Grenzen gesetzt werden, damit solche Themen keine Plattform bekommen. Niemals.

Trotzdem müssen wir lernen, mehr zuzuhören. Lebenswelten nachzuvollziehen. Nicht jeder verfügt über ausreichend finanzielle Mittel, um ausschließlich Bio einzukaufen oder Ökostrom zu nutzen. Und nicht jeder kommt weitgehend unbeschadet durch den aktuellen Lockdown. Klar, Home Office mit Kindern nervt. Und ja, ein gemeinsamer Grillabend mit der ganzen Familie wäre mal wieder schön. Trotzdem urteilen die meisten von uns aus einer komfortablen Situation heraus. Aber was ist mit den Menschen, die ihren Job verloren haben? Die ihre E-Mails nicht an den Küchentisch verlagern konnten? Vielleicht sogar ihr Lebenswerk aufgeben mussten? Wir müssen zuhören. So richtig, meine ich. Andere ausreden lassen und auf Sorgen und Nöte eingehen. Wenn wir das schaffen, können wir eine weitere Spaltung des Landes aufhalten. Nur dann können wir friedlich zusammen leben. Wir müssen über unseren Tellerrand hinaus schauen. Fehler verzeihen. Uns selbst. Aber besonders den anderen. Denn Übermenschen gibt es nicht. Und gab es nie.

Meist dichter als Denker

Puh. Nachdem ich mich heute etwa zehn Minuten lang mit den Kommentaren mancher Social-Media-Nutzer auseinandergesetzt habe, muss ich erstmal Luft holen. Denn die derzeitige Corona-Krise bringt deutschlandweit nicht nur Solidarität und kreative Lösungswege hervor, sondern leider auch viel Dummheit.

Kommentare im Internet: Fluch statt Segen

Auf der Facebook-Seite einer örtlichen Behörde kann man in diesen Tagen vergnügt mitverfolgen, was einige unserer lieben Mitbürgerinnen und Mitbürger von der Corona-Krise und den damit einhergehenden Schutzmaßnahmen halten: Nämlich nichts.

Ein Nutzer schreibt: „Ich werde definitiv keine tragen und mich kann auch keiner dafür bestrafen. Es reicht wenn sich 90% von euch verarschen lassen seid 5 Wochen und keine Maske und jetzt sowas, nicht mit mir.“ Ein anderer Nutzer kommentiert: „Corona Ausbruch Dez 2019. Maskenpflicht ende Apr.2020 Genau mein Humor“

Wenn ich diese Zeilen lese, kommt mir direkt mein Frühstück wieder hoch. Denn solche vermeintlichen „Argumente“ entziehen sich nicht nur jeder logischen Grundlage, sondern sind grammatikalisch so grauenvoll, dass ich Augenschmerzen bekomme. Denn von einer ordentlichen Rechtschreibung haben manche Nachfahren der einstigen „Dichter und Denker“ anscheinend noch nichts gehört.

Fake News und Verschwörungstheorien

Damit aber nicht genug. Denn während die einen ungefragt ihre Meinung im Netz verbreiten, teilen die anderen dubiose Verschwörungstheorien mit ihren Mitmenschen. Diese Theorien kommen oft daher mit einer Grafik, die eigentlich nichts mit dem Thema zu tun hat, aber professionell aussieht. Hat ja auch irgendein professioneller Typ bei Google gefunden und dann mit einer abstrusen Erklärung und ohne Quellenangabe auf Facebook bereitgestellt.

Klar, dass Annette und Hans-Günther das gut finden. Was wissen denn schon Virologen, Epidemiologen oder andere Experten? Die lügen doch nur und haben sich weltweit gegen uns verschworen. Sie wollen die Wirtschaft kaputt machen! Und unsere Freiheit! Jeder weiß doch, dass die Grippe viel schlimmer ist! Gut, dass es irgendeinen fremden Typen auf Facebook gibt, der die Wahrheit kennt und mit seinen Verschwörungs-Kumpels teilt.

Neben Grafiken, die weder einen genauen Sachbezug haben noch Zusammenhänge aufklären, werden Fake-News-Beiträge häufig mit Überschriften wie „Denkt doch mal nach“ oder „Wacht endlich auf “ begleitet. Erinnert ein bisschen an Propaganda-Geschwafel, oder? Solche Meinungsmacher und Verschwörungstheoretiker provozieren gezielt, indem sie an den Verstand ihrer Mitmenschen appellieren. Und klar, genau das sollte man vom Land der Dichter und Denker auch erwarten können. Sehe ich genauso. Aber schonungslos jede Verschwörungstheorie zu teilen, ohne deren Logik, Glaubwürdigkeit oder Quellenangabe zu hinterfragen, hat leider nur wenig mit Verstand zu tun.

Grundrechte sind kein Freifahrtschein für egoistisches Verhalten

Immer wieder lese ich darüber hinaus von Menschen, die sich über derzeitige Grundrechtseinschränkungen beschweren. Natürlich – das muss auch ich zugeben – sind wir durch das aktuelle Kontaktverbot in wichtigen Rechten eingeschränkt. Denn unter den momentanen Umständen können wir unsere gewohnte Freiheit nicht komplett ausleben. Wer allerdings behauptet, dass der Staat mit den aktuellen Maßnahmen den Bogen überspannt oder die Verfassung missachtet, dem unterstelle ich gerne, das Grundgesetz nie gelesen zu haben. Denn Grundrechte können vom Staat durchaus eingeschränkt werden, wenn dies zum Schutze anderer erforderlich ist.

Unser Rechtsstaat bewegt sich – wie es sich für einen ordentlichen Rechtsstaat eben gehört – auf dem Boden der Verhältnismäßigkeit. Sprich: Maßnahmen müssen immer einen legitimen Zweck verfolgen (= Pandemie bekämpfen), geeignet sein (=Mundschutz tragen schützt andere vor Ansteckung, Kontaktverbot verringert Ansteckungsketten), erforderlich sein (= 154.000 Krankheitsfälle in Deutschland) und außerdem angemessen sein.

Und wenn ich beispielsweise nach Spanien schaue, dann bin ich sicher, dass die deutsche Regierung mehr als angemessen handelt. Denn spanischen Bürgerinnen und Bürgern wird es frühestens ab Anfang Mai wieder gestattet sein, das Haus zu verlassen, um spazieren zu gehen. Die Spanier sitzen also seit mehreren Wochen in ihren Wohnungen fest und dürfen nicht raus. Und in Deutschland beschweren sich Annette und Hans-Günther bei einer Kugel Eis darüber, welch unverhältnismäßige Maßnahmen die Regierung uns nur aufzwingen will.

Fazit

Uns geht es gut. Zu gut, wie mir scheint. Denn dass wir in Deutschland (in Hinblick auf Krankheits- und Todesfälle) relativ glimpflich davonkommen, haben wir nicht nur unserer Politik, sondern auch unserem vorbildlichen Gesundheitswesen zu verdanken. Ich wünschte, das könnten alle sehen und begreifen. Nur leider sind viele (natürlich nicht alle) Bürgerinnen und Bürger in Deutschland so knallhart verwöhnt, dass sie nicht anerkennen können, wie glücklich wir uns für unsere Privilegien schätzen können. Schade eigentlich. Denn dem Land der Dichter und Denker hätte ich etwas mehr Verstand zugetraut.

Ach, übrigens: Weil ich nicht zu den Menschen gehöre, die irgendwelche Sachen ohne Quellenangabe im Internet verbreiten, hier der Link zu meinem Beitragsbild: https://bilder.bild.de/fotos-skaliert/schiller–und–goethe-die-groesste-bromance-der-literatur-im-check-201186228-63382128/2,c=0,h=720.bild.jpg