Es ist Dienstag. Der erste Dienstag im neuen Jahr, denn gestern war Silvester. Ich habe lange gefeiert und bin erst vor wenigen Stunden mit leichten Kopfschmerzen nach Hause gekommen. Vielleicht hätte ich ein oder zwei Gläser Wein weniger trinken sollen, aber das spielt jetzt auch keine Rolle mehr. Der komplette Tag ist so gut wie verschwendet und ich werde wohl nichts weiter tun als die halbe Discounter-Lasagne von September aufzutauen, um wenigstens  eine Kleinigkeit zu essen.  Dass ich nicht gerade gut in das neue Jahr gekommen bin, ist kein besonders großes Geheimnis. Ich war ohne Begleitung auf der Feier von irgendeinem Bekannten meiner Cousine. Mitten in einer Menge von bedeutungslosen Personen, die bedeutungsloses Zeug geredet haben und spät Nachts bedeutungslosen Sex hatten. Und ich hab mir ein Glas Wein nach dem anderen reingeschüttet, um die Einsamkeit wenigstens ein bisschen zu ertragen. Aber immerhin hatte ich mein Handy dabei und konnte online mitverfolgen, wie andere Leute aus meinem Semester richtigen – also echten – Spaß hatten.

Ein schrilles Klingeln reist mich aus meinen Gedanken. War das schon der Ofen? Ich bin mir nicht sicher, denn ich habe das Geräusch noch nicht so oft gehört. Da das Gedröhne immer penetranter wird und nicht mehr aufhören will, fange ich an mein Schlafzimmer in allen Ecken zu durchsuchen. Was könnte das sein? Als ich gerade dabei bin, auf meinem Nachttisch nachzusehen, entdecke ich die Ursache meiner inzwischen mittelstarken Kopfschmerzen: Mein Handy. Ich muss wohl gestern beschwipst meinen Klingelton geändert haben, denn diese seltsam nervige Feuerwehrsirene hätte ich im nüchternen Zustand sicher nicht eingestellt. Ich erinnere mich allerdings wieder daran, dass ich vorhin das Handy versteckt habe, um nicht mit dem seltsamen Typen schreiben zu müssen, dem ich gestern meine Nummer gegeben hatte. Da ich allerdings den Namen meiner Cousine auf dem Display lese,  nehme ich den Anruf an.

„Hi, bist du wieder nüchtern? Hör mal zu, ich hab Neuigkeiten: Die Tante Rosie macht jetzt Yoga. Und die Lotte hat auch schon gesagt, dass sie ab nächster Woche abnehmen will und nur noch Vollkornnudeln kocht, weil die genauso satt machen und auch ganz bestimmt genauso gut schmecken wie die normalen Nudeln, also du weißt schon die mit Weizen halt, aber die sind auf jeden Fall gesünder!“, erzählt mir meine Cousine am Telefon in einer Schnelligkeit, als hätte sie noch nie etwas von der sogenannten Atmung gehört. Da ich keine Lust habe, mir auch noch anzuhören was der Rest der Verwandtschaft in diesem Jahr alles besser machen will, verabschiede ich mich mit einem kurzen Tschüss und lege auf.

„Pah, Vollkornnudeln. Das einzige, auf das ich dieses Jahr verzichten werde, ist mein verdammtes Telefon!“, sage ich aus Spaß zu meinem Kater und werfe das Smartphone auf mein Boxspringbett. Obwohl ich das eigentlich überhaupt nicht ernst gemeint habe, gefällt mir der Gedanke irgendwie. Denn egal ob der bedeutungslose Flirt von gestern oder eben meine Cousine: Sie alle haben meine Handynummer und damit die ultimative Möglichkeit, mich rund um die Uhr zu nerven. Denn ich bin so süchtig nach dem Teil, dass ich es kaum aus der Hand legen kann. „Was meinst du, Apollo? Ist das eine gute Idee, mein Handy einfach mal für ein Jahr lang auszulassen?“, will ich von ihm wissen. Ein leises Miau genügt und ich habe meine Antwort. Entschlossen nehme ich also mein Handy und gehe damit auf den Speicher. Ein letzter Post, ein letzter Hinweis an Freunde und Verwandte und schon wird das Ding für die nächsten 365 Tage in irgendeiner Kiste verschwinden. Also schreibe ich:

Handy ab sofort aus. Zeit wird künftig sinnvoller investiert!

Es dauert keine zwei Minuten, schon erscheinen etliche Kommentare und Nachrichten auf meinem Display:

Hat die Telekom wieder was verbockt? 

Freut mich, dass du endlich schwanger bist! 

Oh, machst du jetzt doch die Weltreise?

Ich bin über die Nachrichten so verärgert, dass ich mich in meinem Entschluss noch einmal bestärkt fühle. Unglaublich, dass es mittlerweile so unnormal ist, wenn jemand einfach mal das Handy ausmacht. Also: Weg mit dem Ding!

Einen Monat später sitze ich in der Küche und habe Langeweile. Der letzte Teil meiner Krimiserie ist zu Ende gelesen, meine Cousine hat kurzfristig abgesagt, im TV läuft nichts und –  so Gott will – ich habe immer noch kein Handy! Die ersten  drei Wochen sind eigentlich wie im Flug vergangen und ich habe mein Telefon überhaupt nicht vermisst. Im Gegenteil: Ich habe viel häufiger das Haus verlassen, um mich mit anderen zu treffen oder habe den Nachmittag alleine mit Lesen zugebracht. Jetzt allerdings sitze ich hier und weiß nichts mit mir anzufangen. Als Kind hätte ich mit Sicherheit irgendeine Beschäftigung gefunden. Jetzt, als erwachsene Frau, bin ich mit der Langeweile komplett überfordert. Dennoch bin ich fest entschlossen, das Projekt „handylos“ weiterhin durchzuziehen und mich auf wichtigere Dinge zu fokussieren. In den Urlaub fahren zum Beispiel. Denn seit ich kaum noch die Urlaubsbilder meiner Freunde sehen kann, zieht es mich umso mehr in die Ferne. Im alten Jahr war ich von jedem Gardasee „Schnappschuss“ und jeder Außenansicht des Hamburger Michels genervt. Jetzt vermisse ich es.

Weitere zwei Monate später ist das erste Quartal des neuen Jahres schon wieder vorbei und mein Smartphone längst in Vergessenheit geraten. Mittlerweile habe ich sogar aufgehört über den Verlust (falls man das so nennen kann) nachzudenken und angefangen mein handyfreies Leben zu genießen. Ich verabrede mich deshalb spontan mit meiner Cousine in einer Bar. Wir setzen uns an den Tresen, bestellen zwei Flaschen Bier und besprechen, wo wir im Herbst Urlaub machen wollen. Dass ich gerne nach Kuba möchte und sie lieber nach Schweden, macht die Sache nicht gerade einfach, aber immerhin scheint uns der Gesprächsstoff nicht auszugehen. „Die Lotte war auch schon in Schweden und die hat gesagt, dass es da voll schön ist und ich glaub ihr das, weil die schon an voll vielen Orten war.“, versucht sie mich zu überzeugen. Doch ich habe mitten im Satz aufgehört zuzuhören, da etwas anderes meine Aufmerksamkeit beansprucht. Ein junger Mann kommt schnurstracks auf mich zu und wendet keine Sekunde lang den Blick von mir ab. Ich werde ganz aufgeregt, denn mich hat schon lange kein Mann mehr angesprochen. Und schon gar kein so gut aussehender wie dieser! Meistens wurde ich auf Tinder oder irgendeiner anderen bescheuerten Plattform geschmacklos angebaggert. Wie gut, dass ich mich Anfang des Jahres gegen mein Smartphone entschieden habe! Ich streiche mir nervös durch das Haar und setze mich aufrecht hin, da der Fremde mittlerweile neben mir Platz genommen hat. Er lächelt mich charmant an, macht mir ein Kompliment zu meiner Frisur und fragt schließlich: „Bekomme ich deine Handynummer?“