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Der Tod klopft auch an deine Tür

Wenn ich aus dem Fenster blicke, sehe ich viele Menschen, die glücklich sind. Vielleicht liegt es daran, dass die unerträgliche Hitze der letzten Monate endlich vorüber ist, oder es liegt daran, dass bald Weihnachten ist. Aber es ist doch erst Oktober! Werden die meisten jetzt entsetzt feststellen. Wie kann man da schon an Weihnachten denken? Eine gute Frage. Aber wer sich genauer umschaut, findet die Antwort überall. Denn Menschen sind ungeduldig. Es kann ihnen niemals schnell genug gehen. Egal ob Frühling, Sommer, Herbst oder Winter: Immer wartet schon das nächste Projekt, die nächste Feier, das nächste große Erlebnis. Dabei vergessen sie, das Jetzt festzuhalten. Das Leben.

Die Menschen wollen sich jedoch permanent mit anderen vergleichen. Mit dem Nachbarn, der das größere Auto fährt, mit der Großtante, die zwei akademische Grade besitzt oder mit den Adoptiveltern aus dem Schulchor, die gerade ihr Traumhaus bauen. Das Eigene ist nie gut genug und kleine Freuden wertlos. Man rennt nach einem langen Tag im Büro in das nächste Baumarktgeschäft, um neuen Rollrasen zu kaufen, damit jeder sieht, wie gepflegt das eigene Anwesen ist. Die Türe ist frisch gestrichen und an der Schwelle hängen bunte Blumen, die je nach Saison eine andere Farbe haben. Dass der Tod aber eines Tages an diese Türen klopfen wird und dann niemand mehr hinsehen will, daran wollen sie nicht denken. 

Ich jedoch möchte nicht an diesem wahnsinnigen Lebenswettbewerb teilnehmen. Generell werde ich das nie wieder tun. Seit mir Tante Eva von der Diagnose erzählt hat, sehe ich die Welt mit anderen Augen. Denn das Leben ist endlich, und die Menschen rennen dauernd davor weg. Haltlos und gestresst. Überarbeitet und unterwegs. Dieses Trauerspiel will nicht aufhören. Also habe ich beschlossen, einen Ausweg zu finden und mich für eine Weile zurückzuziehen.

Und ich habe es geschafft. Denn ich verweile hier in einem romantischen Fachwerkhaus, das meiner Tante Eva gehört, lausche meiner Lieblingsband und starre aus dem Fenster. Ich habe keine Pläne für den Tag. Ich habe keine Einkaufsliste und ich habe niemanden, der mich zu etwas drängt oder auf mich wartet. Außer einer krummen Staffelei, die ich im Schuppen gefunden habe. Vielleicht werde ich später malen. Eine Landschaft, einen Kürbis oder ein anderes herbstliches Motiv. Ein berühmter Maler wird aus mir zwar nicht werden, aber ich denke Giuseppe Arcimboldo wäre stolz gewesen. Er hätte sich bestimmt darüber gefreut, dass fünfhundert Jahre später jemand um die Ecke kommt und die schönen Dinge des Lebens festhält. Still und friedlich.

Vielleicht ist auch meine Tante Eva irgendwann stolz, wenn sie sieht, was ich ihr hinterlassen werde. Denn es bleiben mir nur noch wenige Tage, dann wird der Tod an der Türe des Fachwerkhauses klopfen und mich zu sich holen. Er wird sich am Abend vor Allerheiligen unter die Masse mischen und mit seinem schwarzen Gewand um die Häuser ziehen, um sich zu nehmen, was er will. Und er will mich. Tante Eva hat mich wochenlang gepflegt und dagegen angekämpft. Aber der Gegner war zu stark. Sie wird bald nicht mehr viel von mir haben. Die Erinnerung wird mit den Jahren verblassen. Aber vielleicht holt sie eines Tages das Bild aus einem alten Karton und hängt es auf. Als Erinnerung an den Moment, der so still war und so friedlich.

Von kleinen Ängsten und großen Pflichten

Ich sitze auf dem Schlafzimmerboden. Dabei sortiere ich die Socken meiner zwei Töchter. Schön. Ich kann mir wirklich keine bessere Beschäftigung für diesen Ostersonntag vorstellen. Aber als Mutter muss man eben vielen Pflichten nachkommen. Das tun die meisten Mütter auch gern, dazu noch mit unglaublich viel Herzblut. Als Mutter liebt man es, sich um alles zu kümmern. Bei mir ist das nicht anders. Socken sortieren gehört allerdings nicht dazu. Gibt es eine schlimmere, schwerere, ja vielleicht sogar herausforderndere Aufgabe als unsortierte Socken?

Blau – blau, schwarz – schwarz, rosa – rosa. Wo ist die zweite gelbe Socke? Ich bin so versunken in diese anspruchslose Akkordarbeit, dass ich mich beinahe in meinen Gedanken verliere. Das Gebrüll meiner jüngsten Tochter reißt mich schließlich aus meiner Tagträumerei. Mama! Karotta ist tot! Tot, tot, tot.

Der Schock sitzt tief. Die Kinder weinen bitterlich und ich versuche die Situation unter Kontrolle zu behalten. Einen kühlen Kopf zu bewahren. Alles für die Bestattung vorzubereiten. Karotta bekommt zwei Stunden später  eine angemessene Beerdigung, wie es sich für einen Hasen an Ostern eben gehört. Ein alter Schuhkarton dient als kleiner Sarg und die Mädchen haben Blumen gesammelt, um das Grab hübsch zu schmücken. Während ich meine Grabrede zum besten gebe, steht mein Mann nur da und schaut gelangweilt zum Haus unserer Nachbarn. Ich lasse mich davon allerdings nicht ablenken und konzentriere mich stattdessen auf meinen Monolog. Richtig vorbereiten konnte ich diesen ja nicht gerade, weshalb ich mich einfach an eine Trauerrede vor drei Jahren erinnere. Karotta hatte zwar nicht annähernd genauso viel erlebt wie die dahingeschiedene Frau Heinrich, aber sie war dennoch eine mindestens genauso standhafte Persönlichkeit gewesen. Zumindest im Vergleich zu anderen Hasen.

Dennoch ärgert es mich, dass ich mich wieder alleine um das Drama kümmern muss. Mein Mann war zwar nicht gerade für seine Feinfühligkeit bekannt, von einer vermeintlichen Redseligkeit ganz zu schweigen, aber er hätte mich doch ein wenig mehr unterstützen können in dieser unangenehmen Sache. Ja, denn genau das war es. Unangenehm. Der Tod kommt immer unpassend und unbequem, wann es ihm eben passt. Er fragt nicht: „Hallo hübsches Fräulein, wann würd’s denn gehen? Sollen’s lieber die Masern sein nächste Woche oder wollen’s lieber noch a bisserl warten? So beim Segeltörn mit 75?“ Gleiches gilt natürlich auch für Karotta, oder eben jedes andere Haustier. Den Rest des Lebens entscheiden wir aus einem Katalog heraus. Nur der Tod, der ist ganz schön eigen.

Mit dem Ende meiner Rede und dem Verbuddeln des Hasen-Sargs ist das Thema zu meiner Enttäuschung aber noch nicht erledigt. Ist Karotta jetzt im Hasenhimmel? Bekommt sie da gutes Futter? Oder muss sie da Salat essen? Mama, Salat schmeckt nicht. 

Hasenhimmel. Wer hat sich das nur wieder ausgedacht? Der Hase ist jetzt nirgends, außer in unserem Garten und zieht wahrscheinlich dabei noch irgendwelche Viecher an. Es gibt keinen Himmel. Früher war ich davon überzeugt, aus Karotta könnte irgendwann eine Nacktschnecke werden. Oder aus Frau Heinrich der nächste Präsident der Vereinigten Staaten. Diese Hoffnung habe ich aber aufgegeben. Denn wie schon gesagt, da ist nichts. Nichts, außer Dreck und Dunkelheit. Aber das kann man einem fünfjährigen Kind wohl nur schlecht genauso sagen.

Nun ist es meine älteste Tochter, die mich aus meinen Gedanken reißt. Ob es Karotten gibt, müsse sie jetzt dringend wissen. Weil falls nicht, würde sie welche auf das Grab legen. Karotta schmeckt ja sonst nichts. Wie ich sie so ansehe, mit ihren goldenen Locken und ihren kleinen Sommersprossen, kann ich einfach nicht anders. Karotta geht es gut, glaub mir. Sie bekommt jede Menge Karotten. Soviel, dass sie die gar nicht alle alleine essen kann. Aber das macht nichts, denn sie wird im Hasenhimmel ganz schnell Freunde finden, mit denen sie teilen kann. 

Diese Worte klingen seltsam falsch und mir läuft ein kalter Schauer über den Rücken. Als meine Töchter jedoch diesen frechen Blick aufsetzen und sich wissend zunicken, werde ich mir einer Sache bewusst: Es sind die Erwachsenen, die Angst haben. Nicht die Kinder.