Schlagwort: Liebe

Allein nach Wien

Ich saß im Zug nach Wien und bereitete mich gedanklich auf den Vortrag vor. Man hatte mich gebeten, auf einem Symposium über die neuesten Ergebnisse meiner Forschungsarbeit zu referieren. Das Angebot kam ganz recht. Denn so erhielt ich die Chance, mein Projekt auch über die Landesgrenzen hinaus in der Branche bekannter zu machen. Es bestand demnach die Möglichkeit, neue Forschungsgelder an Land zu ziehen und weitere Unterstützung zu erhalten. Also hatte ich die Einladung dankend angenommen und für das Wochenende nichts weiter geplant. Wien wartete schon auf mich. 

Die Stadt und mich trennte noch eine etwa vierstündige Fahrt mit der Bahn. Eigentlich fuhr ich gerne mit dem Zug. Allerdings nicht gerade in der stressigen Ferienzeit und schon gar nicht ganze vier Stunden lang. Nichtsdestotrotz versuchte ich das Beste daraus zu machen, schließlich blieb mir keine andere Wahl. Ein eigenes Auto besaß ich nicht und auf das Flugzeug wollte ich verzichten.

Ich lehnte mich also zurück und starrte aus dem Fenster. Dabei beobachtete ich gespannt die goldenen Kornfelder der umliegenden Bauernhöfe sowie verlassene Wiesen, die durch die Sommerhitze schon langsam braun wurden. Ich stellte mir vor, wie mühsam es früher gewesen sein musste, ohne Maschinen die Felder zu bewirtschaften, um das Jahr über nicht hungern zu müssen. Wie dankbar war ich für unsere heutige Technik. Sie erleichtert uns in vielerlei Hinsicht das Leben. Was die Menschen wohl früher zu einem vollautomatisierten Mähdrescher gesagt hätten? Diese – eher rhetorische – Frage hielt sich so hartnäckig in meinem Kopf, bis meine Augen schließlich schwer wurden. 

Plötzlich schreckte ich hoch, da sich die Türe zu meinem Abteil öffnete und eine fremde Dame die kleine Parzelle betrat. Ich musste wohl eingeschlafen sein, denn wir hatten gerade eine größere Stadt passiert. Dort war sie zugestiegen. Ich rückte meine beiden Koffer zur Seite, um der jungen Frau Platz zu machen. Sie war für die heutige Zeit sehr stilvoll gekleidet, denn sie hatte einen Mantel in bordeauxrot und einen passenden Hut. Um ehrlich zu sein fühlte ich mich in Anwesenheit dieser eleganten Erscheinung sehr wohl, denn ich selbst trug den besten Anzug den ich besaß, während die anderen Fahrgäste eher auf bequeme Kleidung zurückgegriffen hatten. Die junge Frau nahm schließlich schräg gegenüber Platz und gab außer einem schüchternen Lächeln nicht viel von sich Preis. Es wirkte fast so, als würde sie gezielt versuchen jeden Blickkontakt mit mir zu vermeiden. Und wäre sie nicht so bildschön gewesen, hätte ich vermutlich ebenfalls weggesehen. Aber meine innere Stimme und mein Herz sagten mir, dass ich zumindest versuchen musste, mit ihr ins Gespräch zu kommen. Also fragte ich sie, wohin ihre Reise wohl gehen würde und ob sie denn alleine unterwegs sei. 

Die Antwort ließ jedoch auf sich warten. Die Dame machte keine Anstalten, sich auf ein Gespräch mit mir einzulassen. Vermutlich war das Fräulein einfach unsicher, da ich mich zuvor nicht vorgestellt hatte. Wie unhöflich. Also holte ich das nach und erzählte ihr von meiner Promotion und dem Vortrag, den man in Wien von mir hören wollte. Daraufhin setzte in ihrem Gesicht erneut ein vorsichtiges Lächeln ein, eine Antwort bekam ich allerdings immer noch nicht. 

Urplötzlich stand die junge Frau auf und kramte etwas aus ihrer braunen Ledertasche. Es war eine alte Schreibtafel, wie ich sie noch aus Schulzeiten kannte. Wir hatten jene Schreibutensilien früher benutzen müssen, um alle Buchstaben des Alphabets zu lernen. Das Fräulein kritzelte etwas auf die alte Tafel und schielte dabei unsicher in meine Richtung. Als sie fertig war, hielt sie kurz inne und drehte die Tafel schließlich um. Ich las: Ich fahre auch allein nach Wien. 

Als ich diesen kurzen Satz las, verstand ich, weshalb sie sich auf keine Konversation mit mir eingelassen hatte. Sie konnte es nicht. Die junge Frau war taubstumm. Sie musste wohl gut darin sein, die Lippen anderer zu lesen. „Würden Sie mich nach Wien begleiten? Wir könnten gemeinsam zu Abend essen.“, fragte ich langsam, um sicherzugehen, dass sie die Lippenbewegungen richtig interpretieren konnte. Die Schöne nickte eifrig und lächelte erneut. Dieses Mal war es aber ein selbstbewusstes Lächeln, da war ich mir sicher. 

Ich bestellte uns zwei dünnflüssige Humpen Kaffee aus der Bordkantine und wir saßen den Rest der Fahrt beisammen, während ich von meiner Arbeit erzählte und sie wie gebannt an meinen Lippen hing. Wir beide genossen die Gesellschaft des jeweils anderen und freuten uns auf die nächsten Tage. Denn wir fuhren nicht länger allein nach Wien.

Trenn‘ dich vom Schicksal

„Neuer Schlafplatz? Sieht unbequem aus. Wünsch‘ dir trotzdem ’ne gute Nacht!“, rief mir der alte Harry zu, während er wie jeden Abend pünktlich um halb acht seine Ladentür abschloss, um den wohlverdienten Feierabend anzutreten. Wir beide hatten uns schon einige Monate nicht mehr gesehen, denn den Winter über kam ich in einer Einrichtung für Obdachlose unter. Jetzt im Mai waren die Tage wieder länger und die steigenden Temperaturen machten das Schlafen unter freiem Himmel endlich angenehmer. Gemütlich war es trotzdem nicht auf der Straße. Auch nicht im Sommer. Nie.

Ich richtete meinen grünen Schlafsack für die Nacht her und benutzte eine kaputte Strickmütze als Kissen. Der Schlafsack begleitete mich schon seit beinahe zehn Jahren. Das alte Ding hatte früher meinem Vater gehört. Während seiner Dienste beim Militär hatte er den das Ding regelmäßig benutzt. Der Stoff war immer noch robust und hielt mich ausreichend warm. Der Schlafsack war also nicht nur ein bisschen Stoff; es war gleichzeitig das Einzige, das mir von meinem Vater geblieben war. Das Einzige, das mich an ihn erinnerte. Mein Vater war zu Lebzeiten ein angesehener Mann gewesen, der es beruflich zu viel gebracht hatte. Außerdem ging er jeden Sonntag in die Kirche. Ein Vorbild.

Ich war dennoch ein wenig froh, dass er nicht mehr unter uns weilte. Denn hätte er mich – diese jämmerliche Gestalt die ich doch war – so gesehen, hätte das ihm vermutlich das Herz gebrochen. Früher wollte ich immer so werden wie er. Ich wollte einen Job, eine Familie, ein Haus. Aber alles was ich jetzt habe sind ein alter Schlafsack und eine kaputte Mütze. Nichts davon hätte ihn stolz gemacht.

Früher hatte ich anderen Menschen für alles die Schuld gegeben. Für mein zerbrochenes Leben, meine Einsamkeit und mein jämmerliches Dasein. Ich beschuldigte sie alle: Vom Vermieter bis hin zur Sachbearbeiterin des Arbeitsamtes. Manchmal gab ich sogar dem Schicksal die Schuld an meinem miesen Leben. Aber letztendlich spielte das alles keine Rolle mehr. Ich lebte auf der Straße und das würde ich vermutlich so lange tun, bis sie mich in endlich wegschaffen und in ein Armenbegräbnis werfen konnten.

Ich legte mich in mein improvisiertes Bett und schloss die Augen. Das Einschlafen viel mir schwer. Ich konnte einfach nicht zur Ruhe kommen. Die grölenden Jugendlichen und die fahrenden Autos waren nicht der Grund, denn an solche Geräusche hatte ich mich längst gewöhnt. Was mich hingegen tatsächlich wach hielt war die Erkenntnis, dass sich dringend etwas ändern musste in meinem Leben. Das ich etwas ändern musste. Dieser Gedanke hielt sich so hartnäckig, dass ich ihn schließlich ernst nahm. Ich brauchte wieder einen vernünftigen Job. Und vor allem eine eigene Wohnung. Aber wie sollte das gehen? Wie konnte ich wieder zurück ins Leben finden? Wie bekommt man eine Anstellung, wenn man weder über ordentliche Kleidung, geschweige denn über einen Computer verfügte? Ich besaß ja nicht mehr als das bisschen Stoff, das ich am Leibe trug. Der Gedanke also, gleich morgen früh zum Amt zu laufen, ließ mich schließlich müde werden.

„Guten Morgen! Was in aller Welt tust ’n da?“, wollte Harry von mir wissen, als er früh am Morgen sein Geschäft aufschloss und mich beim Aufräumen beobachtete. Ich erzählte ihm von meiner Entschlossenheit mir endlich einen Job zu suchen und mich um eine Wohnung zu kümmern. Harry, den ich mittlerweile seit vielen Jahren kannte, verzog kurz sein faltiges Gesicht und meinte schließlich: „Klasse Idee. Bekannter von mir sucht noch dringend Hilfe für die Bäckerei, da hat erst einer seine Lehre geschmissen. Wenn du möchtest, leg ich ’n gutes Wort für dich ein.“

Ich brauchte einen Augenblick, um zu verstehen, dass Harry mir gerade die Aussicht auf einen Job gegeben hatte. Ich war sprachlos, denn dieses Angebot kam unerwartet. „Das würdest du für mich tun? Obwohl ich auf der Straße lebe und zu nichts tauge? Obwohl ich schrecklich aussehe?“, fragte ich meinen alten Freund. „Red‘ keinen Quatsch. Bist doch ’ne gute Seele! Und hässlich bist du noch lange nicht. Da habe ich schon Schlimmere vor meiner Ladentür herumlungern sehen“, gab er zurück, ehe er losprustete. Sein Blick verriet mir aber, dass er tatsächlich glaubte, was er da von sich gab.

Harry dachte das also wirklich. Er hielt mich für eine gute Seele. Hatte er recht? Vielleicht war ich ja gar nicht so jämmerlich, wie ich immer dachte. Von der einen auf die andere Sekunde sah ich die Welt mit völlig anderen Augen. Sie erschien mir plötzlich bunt. Lebendig. Hoffnungsvoll. Ich war in diesem Moment die wohl glücklichste Frau auf der ganzen Welt. Mein Vater wäre stolz gewesen.

Sonnensturm im Sommer

Ein warmer Wind weht durch das Haar
Die Locken umspielen das zarte Gesicht
Ich sehe sie vorbeiziehen
Graziös und leicht
Entlang der leeren Straße
Ihre Augen leuchten gefährlich gelb
Meine Kehle brennt
Wie ein Sonnensturm im Sommer.

Zehn Tage Russland

Es gibt Menschen, die möchten eine Woche lang wandern im Harz. Oder die Alpen überqueren bis nach Meran. Und es gibt im Vergleich dazu noch viel mehr Menschen, die möchten sich an der Costa Brava sonnen oder in Venedig Tauben jagen. Und dann gibt es mich. Ich wollte schon immer unbedingt nach Russland. 

Warum ich das möchte? Ich könnte jetzt von den Moskauer Zwiebeltürmen schwärmen oder von richtigem Wodka. Aber das wäre vermutlich alles frech gelogen. Denn in Wahrheit möchte ich mich auf die Spuren eines besonderen Mädchens begeben, um mehr über die Umstände ihres tragischen Schicksals zu lernen. Anastasia.

Meine Mutter sagt, das sei keine anständige Beschäftigung für einen jungen Mann in seinen Zwanzigern. Ich solle doch lieber Sport machen und eine Frau kennenlernen. Dass ich noch nie zuvor eine wirkliche Freundin hatte, störte meine Mutter offensichtlich mehr als es mich selbst störte. Denn ich hatte im Augenblick meine Gedanken bei einer anderen jungen Frau. Als Kind sah ich das erste mal einen Disneyfilm über sie. Seitdem ließ mich ihre Geschichte nicht mehr los. Auch meiner besten Freundin war mein Ausflug nach Russland ein Dorn im Auge. Einem Geist würde ich hinterher jagen, denn das Kind wäre damals mit seiner Familie gestorben, meinte sie. Das sei längst bewiesen.

Mir war klar, dass Anastasia heute längst nicht mehr leben würde, selbst wenn ihr damals eine Flucht geglückt wäre. Dennoch lässt mich die Vorstellung nicht mehr los, wie ich durch die Straßen von Moskau ziehe und ihr in jeder Ecke, in jedem Laden und an jedem U-Bahn-Gleis begegnen könnte. Wie sie aussah wusste ich zwar nicht, aber in meinem Kopf hatte sich längst ein wunderhübsches Gesicht abgezeichnet. So schön und vollkommen, dass jeder unterlassene Versuch sie zu treffen eine Schande gewesen wäre.

Denn dass es für mich hier keine passende Frau gab, war nicht von der Hand zu weisen. Ich war nicht besonders gutaussehend und viele Macken hatte ich obendrein. Die Frauen meiner Fakultät beachteten mich nicht im geringsten und in der Nachbarschaft gab es auch niemanden. Meine beste Freundin war die einzige weibliche Person, die außer meiner Mutter Teil an meinem Leben hatte. Aber mit ihr eine Beziehung zu führen, wäre wahrscheinlich einfach nur lächerlich gewesen. Man kann mit niemanden ein Bett teilen, mit dem man sich schon im Sandkasten um eine Schaufel gestritten hatte. Und man konnte erst recht nicht mit jemanden ein Bett teilen, der wusste, dass man abends vor dem Zähneputzen dreimal blinzeln musste, weil man sonst einen Albtraum befürchtete.

Wir fuhren gemeinsam zum Flughafen. Meine beste Freundin begleitete mich, um sich noch persönlich für die nächsten Tage zu verabschieden. Das Flugzeug könnte ja abstürzen oder ich könnte einem Anschlag zum Opfer fallen. Es wäre möglich, dass wir uns nie wieder sehen würden. Unfug! Das war natürlich alles unbegründet und so versicherte ich ihr, dass ich wohlbehalten zurückkehren würde. Sodann verlies ich die Halle in Richtung meines Terminals.

Als ich zehn Tage später aus Russland heimkehrte, war ich zu einer Erkenntnis gelangt. Es war, als hätte mir jemand endlich die Augen geöffnet. Ich war um den halben Globus geflogen, um eine Person zu finden, die gar nicht existierte. Dabei wartete zu Hause eine andere Frau, die viel schöner war als alle Damen die ich in Russland getroffen hatte. Mit Freude im Herzen rannte ich auf die Ankunftshalle zu, um meine beste Freundin in die Arme zu schließen und ihr zu sagen, dass ich mich wie ein blinder und dummer Hund benommen hatte.

Ich blickte mich um, konnte ich hübsches Gesicht aber nirgends entdecken. In der Halle warteten einige Menschen auf die ankommenden Passagiere, um sie in Empfang zu nehmen. Sie war nicht unter ihnen. Hinter dem Gepäckband traf ich jedoch meine Mutter. Jene schien sich nicht besonders über meine Rückkehr zu freuen, denn ihr Blick war finster und traurig. Als ich Mutter fragte, wo denn meine beste Freundin geblieben sei, zog sie mich in näher zu sich und erzählte mir, dass Anna vor wenigen Tagen bei einem Autounfall ums Leben gekommen war.

Flüchtiges Gefühl

Ein kurzer Duft und sanfte Schmerzen,
Ich trage es in meinem Herzen.
Wie Wind der schnell vorüberzieht,
Ein Dieb der vor Bestrafung flieht.
Die Haut fühlt sich wie Seide an, 
Weshalb ich nur dran denken kann.
Ich bin nicht sicher, ist es Liebe?
Sind es vielleicht nur meine Triebe?
In meinem Kopf herrscht ein Gewühl,
Dabei war’s nur ein flüchtiges Gefühl.

Du bist kostbar

Du selbst, genauso wie jeder andere im ganzen Universum, verdienst deine Liebe und Zuneigung
(Buddha)

Vergrabe mich unter deiner unendlichen Weisheit und deinen schönen Zähnen, die du so liebevoll und ordentlich putzt als wären Sie ein kostbarer Lackschuh aus einem vornehmen Laden, der nur an Helden verkauft. Zeig mir verstohlene Orte, die außer dir noch kein Lebender gesehen hat. Zu denen du hingehst, wenn du einsam bist und zu viele Filme darüber gesehen hast, was Liebe ist.

Beerdige mich in deinen alten Sachen und deinen neuen Vorhängen, die so weich sind und gründlich als wäre sie kostbare Seide aus einem fernen Land, in dem nur Reiche leben. Zeig mir kleine Wohnzimmer, in denen außer uns noch kein Mensch gelebt hat. In denen wir wohnen, wenn wir einander brauchen und zu oft darüber nachgedacht haben, was Liebe ist.

Ersticke mich mit deinen schmutzigen T-Shirts und deinen blauen Nachthemden, die du immer so sorgsam zusammenfaltest als wären Sie ein kostbares Kostüm aus einer anderen Welt, die nur Romantiker hereinlässt. Zeig mir fremde Träume, die außer dir noch keiner geträumt hat. Zu denen du hingehst, wenn du an mich denkst und wissen willst, was Liebe ist.