Wenn man verliebt ist, dann pocht das Herz. Und man bekommt schwitzige Hände und sagt dumme Sachen. Diese Dinge hatte Valentin in einer Zeitschrift für Erwachsene gelesen, welche seine Schwester heimlich unterm Bett aufbewahrte.

Valentin setzte sich auf seinen Schreibtischstuhl und machte eine Liste. Valentin machte immer Listen, denn das hatte er von seinem Opa gelernt. Mit dem Lineal zeichnete er gerade Linien auf das Papier, bis aus den einzelnen Bleistiftstrichen eine Tabelle wurde. Dann trug er alle Merkmale verliebter Menschen darin ein und überprüfte, ob sie auf ihn zutrafen.

Das pochende Herz und die schweißnassen Hände konnte er abhaken. Bei den dummen Sachen, die Verliebte von sich gaben, war er sich nicht so sicher. Denn er überlegte immer ganz genau, bevor er etwas sagte. Das war bei Jule nicht anders. Er war zwar unsterblich in sie verliebt, aber das ließ ihn ja noch lange nicht dumm werden. So was geht ja auch gar nicht, dachte er sich. Entweder man ist immer dumm, oder man ist es eben nicht.

Insgesamt vier der fünf Merkmale der Verliebtheit konnte Valentin abhaken. Dennoch war er nicht ganz zufrieden mit dem Ergebnis, denn es war ja schließlich nicht ganz eindeutig. Trotzdem beschloss er, für Jule in den Laden zu fahren und Süßkram in Herzform sowie eine schöne rote Blume zu kaufen. Denn das sollten Verliebte laut der Zeitschrift tun, um dem Gegenüber ihre Zuneigung deutlich zu machen.

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Diese Passage aus der Zeitschrift hatte Valentin auswendig gelernt, denn sie war mit Abstand die wichtigste. Da Valentin nie unvorbereitet aus dem Haus ging, steckte er vorsichtshalber eine weitere Liste ein, um die Einzelheiten von Jules Reaktion dokumentieren zu können. Außerdem hatte Valentin bereits sichergestellt, dass die Eltern seiner Auserwählten nicht daheim sein würden. Er wusste, dass die beiden nie vor zwei Uhr Nachmittags die Backstube verließen. Das hatte er beobachtet. Allerdings musste er sich beeilen, denn er hatte nicht mehr viel Zeit. Der Zeiger hatte die Eins bereits überschritten.

Bei ihr angekommen, stellte er sein blaues Fahrrad im tiefen Schnee ab und bereitete alles für das Zusammentreffen vor. Jule wusste zwar nicht, dass er sie besuchen wollte, aber das würde die Überraschung ja umso größer machen. Gerade als Valentin auf die Haustüre zugehen wollte, sah er Jule hinter dem Küchenfenster stehen. Aber sie war nicht alleine, denn sie schien sich mit jemandem zu unterhalten. Das ist bestimmt nur ihre Muttersie muss wohl heute früher nach Hause gekommen sein. Das war Valentins erster Gedanke. Er wusste genau, dass Mütter besser nicht bei einer Liebeserklärung dabei sein sollten. Wenn er Jule später heiraten würde, hätte er ja noch genug Zeit ihre Mutter kennenzulernen.

Leise schlich er sich also hinter einen großen Baum und beschloss, das Mädchen zunächst vorsichtig durch das Küchenfenster zu beobachten. Vielleicht musste ihre Mutter ja nochmal los. Einkaufen? Da die Möglichkeit bestand, entschied sich Valentin noch etwas abzuwarten. Zwar war ihm in seiner dünnen Jacke ein wenig kalt, aber das war es ihm wert. Was tut man nicht alles für die Liebe?

Das Warten sollte allerdings nicht von langer Dauer sein, denn Valentin sah Jule wenige Minuten später lachend aus der Haustüre treten. Wie Valentin richtig vermutet hatte, folgte ihr einige Sekunden später jemand über die Schwelle. Es aber nicht Jules Mutter, die dort mit ihr nach außen ging. Es war ein Junge, etwa in Valentins Alter. Die beiden hatten viel zu scherzen und schienen sich gut zu verstehen. Gerade als Valentin zu den beiden hingehen wollte, machte ihm der fremde Junge einen Strich durch die Rechnung. Denn er holte Süßkram in Herzform und eine rote Rose aus seiner Tasche und überreichte beides dem überraschten Mädchen.

Valentin brauchte keine Liste, um Jules Reaktion richtig schlussfolgern zu können. Sie war an dem Jungen interessiert, das war mehr als eindeutig. Also warf er seine beiden Papierfetzen in den Schnee und schwang sich auf sein altes Fahrrad. Wütend trat Valentin in die Pedale und redete sich ein, gar nicht in Jule verliebt zu sein. Der letzte Punkt auf seiner Liste hatte ja sowieso von Anfang an gefehlt.