Kategorie: Kurzgeschichte

Von kleinen Ängsten und großen Pflichten

Ich sitze auf dem Schlafzimmerboden. Dabei sortiere ich die Socken meiner zwei Töchter. Schön. Ich kann mir wirklich keine bessere Beschäftigung für diesen Ostersonntag vorstellen. Aber als Mutter muss man eben vielen Pflichten nachkommen. Das tun die meisten Mütter auch gern, dazu noch mit unglaublich viel Herzblut. Als Mutter liebt man es, sich um alles zu kümmern. Bei mir ist das nicht anders. Socken sortieren gehört allerdings nicht dazu. Gibt es eine schlimmere, schwerere, ja vielleicht sogar herausforderndere Aufgabe als unsortierte Socken?

Blau – blau, schwarz – schwarz, rosa – rosa. Wo ist die zweite gelbe Socke? Ich bin so versunken in diese anspruchslose Akkordarbeit, dass ich mich beinahe in meinen Gedanken verliere. Das Gebrüll meiner jüngsten Tochter reißt mich schließlich aus meiner Tagträumerei. Mama! Karotta ist tot! Tot, tot, tot.

Der Schock sitzt tief. Die Kinder weinen bitterlich und ich versuche die Situation unter Kontrolle zu behalten. Einen kühlen Kopf zu bewahren. Alles für die Bestattung vorzubereiten. Karotta bekommt zwei Stunden später  eine angemessene Beerdigung, wie es sich für einen Hasen an Ostern eben gehört. Ein alter Schuhkarton dient als kleiner Sarg und die Mädchen haben Blumen gesammelt, um das Grab hübsch zu schmücken. Während ich meine Grabrede zum besten gebe, steht mein Mann nur da und schaut gelangweilt zum Haus unserer Nachbarn. Ich lasse mich davon allerdings nicht ablenken und konzentriere mich stattdessen auf meinen Monolog. Richtig vorbereiten konnte ich diesen ja nicht gerade, weshalb ich mich einfach an eine Trauerrede vor drei Jahren erinnere. Karotta hatte zwar nicht annähernd genauso viel erlebt wie die dahingeschiedene Frau Heinrich, aber sie war dennoch eine mindestens genauso standhafte Persönlichkeit gewesen. Zumindest im Vergleich zu anderen Hasen.

Dennoch ärgert es mich, dass ich mich wieder alleine um das Drama kümmern muss. Mein Mann war zwar nicht gerade für seine Feinfühligkeit bekannt, von einer vermeintlichen Redseligkeit ganz zu schweigen, aber er hätte mich doch ein wenig mehr unterstützen können in dieser unangenehmen Sache. Ja, denn genau das war es. Unangenehm. Der Tod kommt immer unpassend und unbequem, wann es ihm eben passt. Er fragt nicht: „Hallo hübsches Fräulein, wann würd’s denn gehen? Sollen’s lieber die Masern sein nächste Woche oder wollen’s lieber noch a bisserl warten? So beim Segeltörn mit 75?“ Gleiches gilt natürlich auch für Karotta, oder eben jedes andere Haustier. Den Rest des Lebens entscheiden wir aus einem Katalog heraus. Nur der Tod, der ist ganz schön eigen.

Mit dem Ende meiner Rede und dem Verbuddeln des Hasen-Sargs ist das Thema zu meiner Enttäuschung aber noch nicht erledigt. Ist Karotta jetzt im Hasenhimmel? Bekommt sie da gutes Futter? Oder muss sie da Salat essen? Mama, Salat schmeckt nicht. 

Hasenhimmel. Wer hat sich das nur wieder ausgedacht? Der Hase ist jetzt nirgends, außer in unserem Garten und zieht wahrscheinlich dabei noch irgendwelche Viecher an. Es gibt keinen Himmel. Früher war ich davon überzeugt, aus Karotta könnte irgendwann eine Nacktschnecke werden. Oder aus Frau Heinrich der nächste Präsident der Vereinigten Staaten. Diese Hoffnung habe ich aber aufgegeben. Denn wie schon gesagt, da ist nichts. Nichts, außer Dreck und Dunkelheit. Aber das kann man einem fünfjährigen Kind wohl nur schlecht genauso sagen.

Nun ist es meine älteste Tochter, die mich aus meinen Gedanken reißt. Ob es Karotten gibt, müsse sie jetzt dringend wissen. Weil falls nicht, würde sie welche auf das Grab legen. Karotta schmeckt ja sonst nichts. Wie ich sie so ansehe, mit ihren goldenen Locken und ihren kleinen Sommersprossen, kann ich einfach nicht anders. Karotta geht es gut, glaub mir. Sie bekommt jede Menge Karotten. Soviel, dass sie die gar nicht alle alleine essen kann. Aber das macht nichts, denn sie wird im Hasenhimmel ganz schnell Freunde finden, mit denen sie teilen kann. 

Diese Worte klingen seltsam falsch und mir läuft ein kalter Schauer über den Rücken. Als meine Töchter jedoch diesen frechen Blick aufsetzen und sich wissend zunicken, werde ich mir einer Sache bewusst: Es sind die Erwachsenen, die Angst haben. Nicht die Kinder. 

Zehn Tage Russland

Es gibt Menschen, die möchten eine Woche lang wandern im Harz. Oder die Alpen überqueren bis nach Meran. Und es gibt im Vergleich dazu noch viel mehr Menschen, die möchten sich an der Costa Brava sonnen oder in Venedig Tauben jagen. Und dann gibt es mich. Ich wollte schon immer unbedingt nach Russland. 

Warum ich das möchte? Ich könnte jetzt von den Moskauer Zwiebeltürmen schwärmen oder von richtigem Wodka. Aber das wäre vermutlich alles frech gelogen. Denn in Wahrheit möchte ich mich auf die Spuren eines besonderen Mädchens begeben, um mehr über die Umstände ihres tragischen Schicksals zu lernen. Anastasia.

Meine Mutter sagt, das sei keine anständige Beschäftigung für einen jungen Mann in seinen Zwanzigern. Ich solle doch lieber Sport machen und eine Frau kennenlernen. Dass ich noch nie zuvor eine wirkliche Freundin hatte, störte meine Mutter offensichtlich mehr als es mich selbst störte. Denn ich hatte im Augenblick meine Gedanken bei einer anderen jungen Frau. Als Kind sah ich das erste mal einen Disneyfilm über sie. Seitdem ließ mich ihre Geschichte nicht mehr los. Auch meiner besten Freundin war mein Ausflug nach Russland ein Dorn im Auge. Einem Geist würde ich hinterher jagen, denn das Kind wäre damals mit seiner Familie gestorben, meinte sie. Das sei längst bewiesen.

Mir war klar, dass Anastasia heute längst nicht mehr leben würde, selbst wenn ihr damals eine Flucht geglückt wäre. Dennoch lässt mich die Vorstellung nicht mehr los, wie ich durch die Straßen von Moskau ziehe und ihr in jeder Ecke, in jedem Laden und an jedem U-Bahn-Gleis begegnen könnte. Wie sie aussah wusste ich zwar nicht, aber in meinem Kopf hatte sich längst ein wunderhübsches Gesicht abgezeichnet. So schön und vollkommen, dass jeder unterlassene Versuch sie zu treffen eine Schande gewesen wäre.

Denn dass es für mich hier keine passende Frau gab, war nicht von der Hand zu weisen. Ich war nicht besonders gutaussehend und viele Macken hatte ich obendrein. Die Frauen meiner Fakultät beachteten mich nicht im geringsten und in der Nachbarschaft gab es auch niemanden. Meine beste Freundin war die einzige weibliche Person, die außer meiner Mutter Teil an meinem Leben hatte. Aber mit ihr eine Beziehung zu führen, wäre wahrscheinlich einfach nur lächerlich gewesen. Man kann mit niemanden ein Bett teilen, mit dem man sich schon im Sandkasten um eine Schaufel gestritten hatte. Und man konnte erst recht nicht mit jemanden ein Bett teilen, der wusste, dass man abends vor dem Zähneputzen dreimal blinzeln musste, weil man sonst einen Albtraum befürchtete.

Wir fuhren gemeinsam zum Flughafen. Meine beste Freundin begleitete mich, um sich noch persönlich für die nächsten Tage zu verabschieden. Das Flugzeug könnte ja abstürzen oder ich könnte einem Anschlag zum Opfer fallen. Es wäre möglich, dass wir uns nie wieder sehen würden. Unfug! Das war natürlich alles unbegründet und so versicherte ich ihr, dass ich wohlbehalten zurückkehren würde. Sodann verlies ich die Halle in Richtung meines Terminals.

Als ich zehn Tage später aus Russland heimkehrte, war ich zu einer Erkenntnis gelangt. Es war, als hätte mir jemand endlich die Augen geöffnet. Ich war um den halben Globus geflogen, um eine Person zu finden, die gar nicht existierte. Dabei wartete zu Hause eine andere Frau, die viel schöner war als alle Damen die ich in Russland getroffen hatte. Mit Freude im Herzen rannte ich auf die Ankunftshalle zu, um meine beste Freundin in die Arme zu schließen und ihr zu sagen, dass ich mich wie ein blinder und dummer Hund benommen hatte.

Ich blickte mich um, konnte ich hübsches Gesicht aber nirgends entdecken. In der Halle warteten einige Menschen auf die ankommenden Passagiere, um sie in Empfang zu nehmen. Sie war nicht unter ihnen. Hinter dem Gepäckband traf ich jedoch meine Mutter. Jene schien sich nicht besonders über meine Rückkehr zu freuen, denn ihr Blick war finster und traurig. Als ich Mutter fragte, wo denn meine beste Freundin geblieben sei, zog sie mich in näher zu sich und erzählte mir, dass Anna vor wenigen Tagen bei einem Autounfall ums Leben gekommen war.

Der Junge mit dem Zuckerherz

Wenn man verliebt ist, dann pocht das Herz. Und man bekommt schwitzige Hände und sagt dumme Sachen. Diese Dinge hatte Valentin in einer Zeitschrift für Erwachsene gelesen, welche seine Schwester heimlich unterm Bett aufbewahrte.

Valentin setzte sich auf seinen Schreibtischstuhl und machte eine Liste. Valentin machte immer Listen, denn das hatte er von seinem Opa gelernt. Mit dem Lineal zeichnete er gerade Linien auf das Papier, bis aus den einzelnen Bleistiftstrichen eine Tabelle wurde. Dann trug er alle Merkmale verliebter Menschen darin ein und überprüfte, ob sie auf ihn zutrafen.

Das pochende Herz und die schweißnassen Hände konnte er abhaken. Bei den dummen Sachen, die Verliebte von sich gaben, war er sich nicht so sicher. Denn er überlegte immer ganz genau, bevor er etwas sagte. Das war bei Jule nicht anders. Er war zwar unsterblich in sie verliebt, aber das ließ ihn ja noch lange nicht dumm werden. So was geht ja auch gar nicht, dachte er sich. Entweder man ist immer dumm, oder man ist es eben nicht.

Insgesamt vier der fünf Merkmale der Verliebtheit konnte Valentin abhaken. Dennoch war er nicht ganz zufrieden mit dem Ergebnis, denn es war ja schließlich nicht ganz eindeutig. Trotzdem beschloss er, für Jule in den Laden zu fahren und Süßkram in Herzform sowie eine schöne rote Blume zu kaufen. Denn das sollten Verliebte laut der Zeitschrift tun, um dem Gegenüber ihre Zuneigung deutlich zu machen.

Nutzen Sie den Valentinstag als gute Gelegenheit und überraschen Sie Ihren Partner oder Ihre Partnerin mit kleinen Geschenken. So zeigen Sie Ihre romantische Seite und können von sich überzeugen.

Diese Passage aus der Zeitschrift hatte Valentin auswendig gelernt, denn sie war mit Abstand die wichtigste. Da Valentin nie unvorbereitet aus dem Haus ging, steckte er vorsichtshalber eine weitere Liste ein, um die Einzelheiten von Jules Reaktion dokumentieren zu können. Außerdem hatte Valentin bereits sichergestellt, dass die Eltern seiner Auserwählten nicht daheim sein würden. Er wusste, dass die beiden nie vor zwei Uhr Nachmittags die Backstube verließen. Das hatte er beobachtet. Allerdings musste er sich beeilen, denn er hatte nicht mehr viel Zeit. Der Zeiger hatte die Eins bereits überschritten.

Bei ihr angekommen, stellte er sein blaues Fahrrad im tiefen Schnee ab und bereitete alles für das Zusammentreffen vor. Jule wusste zwar nicht, dass er sie besuchen wollte, aber das würde die Überraschung ja umso größer machen. Gerade als Valentin auf die Haustüre zugehen wollte, sah er Jule hinter dem Küchenfenster stehen. Aber sie war nicht alleine, denn sie schien sich mit jemandem zu unterhalten. Das ist bestimmt nur ihre Muttersie muss wohl heute früher nach Hause gekommen sein. Das war Valentins erster Gedanke. Er wusste genau, dass Mütter besser nicht bei einer Liebeserklärung dabei sein sollten. Wenn er Jule später heiraten würde, hätte er ja noch genug Zeit ihre Mutter kennenzulernen.

Leise schlich er sich also hinter einen großen Baum und beschloss, das Mädchen zunächst vorsichtig durch das Küchenfenster zu beobachten. Vielleicht musste ihre Mutter ja nochmal los. Einkaufen? Da die Möglichkeit bestand, entschied sich Valentin noch etwas abzuwarten. Zwar war ihm in seiner dünnen Jacke ein wenig kalt, aber das war es ihm wert. Was tut man nicht alles für die Liebe?

Das Warten sollte allerdings nicht von langer Dauer sein, denn Valentin sah Jule wenige Minuten später lachend aus der Haustüre treten. Wie Valentin richtig vermutet hatte, folgte ihr einige Sekunden später jemand über die Schwelle. Es aber nicht Jules Mutter, die dort mit ihr nach außen ging. Es war ein Junge, etwa in Valentins Alter. Die beiden hatten viel zu scherzen und schienen sich gut zu verstehen. Gerade als Valentin zu den beiden hingehen wollte, machte ihm der fremde Junge einen Strich durch die Rechnung. Denn er holte Süßkram in Herzform und eine rote Rose aus seiner Tasche und überreichte beides dem überraschten Mädchen.

Valentin brauchte keine Liste, um Jules Reaktion richtig schlussfolgern zu können. Sie war an dem Jungen interessiert, das war mehr als eindeutig. Also warf er seine beiden Papierfetzen in den Schnee und schwang sich auf sein altes Fahrrad. Wütend trat Valentin in die Pedale und redete sich ein, gar nicht in Jule verliebt zu sein. Der letzte Punkt auf seiner Liste hatte ja sowieso von Anfang an gefehlt.

Von schlechten Vorsätzen

Es ist Dienstag. Der erste Dienstag im neuen Jahr, denn gestern war Silvester. Ich habe lange gefeiert und bin erst vor wenigen Stunden mit leichten Kopfschmerzen nach Hause gekommen. Vielleicht hätte ich ein oder zwei Gläser Wein weniger trinken sollen, aber das spielt jetzt auch keine Rolle mehr. Der komplette Tag ist so gut wie verschwendet und ich werde wohl nichts weiter tun als die halbe Discounter-Lasagne von September aufzutauen, um wenigstens  eine Kleinigkeit zu essen.  Dass ich nicht gerade gut in das neue Jahr gekommen bin, ist kein besonders großes Geheimnis. Ich war ohne Begleitung auf der Feier von irgendeinem Bekannten meiner Cousine. Mitten in einer Menge von bedeutungslosen Personen, die bedeutungsloses Zeug geredet haben und spät Nachts bedeutungslosen Sex hatten. Und ich hab mir ein Glas Wein nach dem anderen reingeschüttet, um die Einsamkeit wenigstens ein bisschen zu ertragen. Aber immerhin hatte ich mein Handy dabei und konnte online mitverfolgen, wie andere Leute aus meinem Semester richtigen – also echten – Spaß hatten.

Ein schrilles Klingeln reist mich aus meinen Gedanken. War das schon der Ofen? Ich bin mir nicht sicher, denn ich habe das Geräusch noch nicht so oft gehört. Da das Gedröhne immer penetranter wird und nicht mehr aufhören will, fange ich an mein Schlafzimmer in allen Ecken zu durchsuchen. Was könnte das sein? Als ich gerade dabei bin, auf meinem Nachttisch nachzusehen, entdecke ich die Ursache meiner inzwischen mittelstarken Kopfschmerzen: Mein Handy. Ich muss wohl gestern beschwipst meinen Klingelton geändert haben, denn diese seltsam nervige Feuerwehrsirene hätte ich im nüchternen Zustand sicher nicht eingestellt. Ich erinnere mich allerdings wieder daran, dass ich vorhin das Handy versteckt habe, um nicht mit dem seltsamen Typen schreiben zu müssen, dem ich gestern meine Nummer gegeben hatte. Da ich allerdings den Namen meiner Cousine auf dem Display lese,  nehme ich den Anruf an.

„Hi, bist du wieder nüchtern? Hör mal zu, ich hab Neuigkeiten: Die Tante Rosie macht jetzt Yoga. Und die Lotte hat auch schon gesagt, dass sie ab nächster Woche abnehmen will und nur noch Vollkornnudeln kocht, weil die genauso satt machen und auch ganz bestimmt genauso gut schmecken wie die normalen Nudeln, also du weißt schon die mit Weizen halt, aber die sind auf jeden Fall gesünder!“, erzählt mir meine Cousine am Telefon in einer Schnelligkeit, als hätte sie noch nie etwas von der sogenannten Atmung gehört. Da ich keine Lust habe, mir auch noch anzuhören was der Rest der Verwandtschaft in diesem Jahr alles besser machen will, verabschiede ich mich mit einem kurzen Tschüss und lege auf.

„Pah, Vollkornnudeln. Das einzige, auf das ich dieses Jahr verzichten werde, ist mein verdammtes Telefon!“, sage ich aus Spaß zu meinem Kater und werfe das Smartphone auf mein Boxspringbett. Obwohl ich das eigentlich überhaupt nicht ernst gemeint habe, gefällt mir der Gedanke irgendwie. Denn egal ob der bedeutungslose Flirt von gestern oder eben meine Cousine: Sie alle haben meine Handynummer und damit die ultimative Möglichkeit, mich rund um die Uhr zu nerven. Denn ich bin so süchtig nach dem Teil, dass ich es kaum aus der Hand legen kann. „Was meinst du, Apollo? Ist das eine gute Idee, mein Handy einfach mal für ein Jahr lang auszulassen?“, will ich von ihm wissen. Ein leises Miau genügt und ich habe meine Antwort. Entschlossen nehme ich also mein Handy und gehe damit auf den Speicher. Ein letzter Post, ein letzter Hinweis an Freunde und Verwandte und schon wird das Ding für die nächsten 365 Tage in irgendeiner Kiste verschwinden. Also schreibe ich:

Handy ab sofort aus. Zeit wird künftig sinnvoller investiert!

Es dauert keine zwei Minuten, schon erscheinen etliche Kommentare und Nachrichten auf meinem Display:

Hat die Telekom wieder was verbockt? 

Freut mich, dass du endlich schwanger bist! 

Oh, machst du jetzt doch die Weltreise?

Ich bin über die Nachrichten so verärgert, dass ich mich in meinem Entschluss noch einmal bestärkt fühle. Unglaublich, dass es mittlerweile so unnormal ist, wenn jemand einfach mal das Handy ausmacht. Also: Weg mit dem Ding!

Einen Monat später sitze ich in der Küche und habe Langeweile. Der letzte Teil meiner Krimiserie ist zu Ende gelesen, meine Cousine hat kurzfristig abgesagt, im TV läuft nichts und –  so Gott will – ich habe immer noch kein Handy! Die ersten  drei Wochen sind eigentlich wie im Flug vergangen und ich habe mein Telefon überhaupt nicht vermisst. Im Gegenteil: Ich habe viel häufiger das Haus verlassen, um mich mit anderen zu treffen oder habe den Nachmittag alleine mit Lesen zugebracht. Jetzt allerdings sitze ich hier und weiß nichts mit mir anzufangen. Als Kind hätte ich mit Sicherheit irgendeine Beschäftigung gefunden. Jetzt, als erwachsene Frau, bin ich mit der Langeweile komplett überfordert. Dennoch bin ich fest entschlossen, das Projekt „handylos“ weiterhin durchzuziehen und mich auf wichtigere Dinge zu fokussieren. In den Urlaub fahren zum Beispiel. Denn seit ich kaum noch die Urlaubsbilder meiner Freunde sehen kann, zieht es mich umso mehr in die Ferne. Im alten Jahr war ich von jedem Gardasee „Schnappschuss“ und jeder Außenansicht des Hamburger Michels genervt. Jetzt vermisse ich es.

Weitere zwei Monate später ist das erste Quartal des neuen Jahres schon wieder vorbei und mein Smartphone längst in Vergessenheit geraten. Mittlerweile habe ich sogar aufgehört über den Verlust (falls man das so nennen kann) nachzudenken und angefangen mein handyfreies Leben zu genießen. Ich verabrede mich deshalb spontan mit meiner Cousine in einer Bar. Wir setzen uns an den Tresen, bestellen zwei Flaschen Bier und besprechen, wo wir im Herbst Urlaub machen wollen. Dass ich gerne nach Kuba möchte und sie lieber nach Schweden, macht die Sache nicht gerade einfach, aber immerhin scheint uns der Gesprächsstoff nicht auszugehen. „Die Lotte war auch schon in Schweden und die hat gesagt, dass es da voll schön ist und ich glaub ihr das, weil die schon an voll vielen Orten war.“, versucht sie mich zu überzeugen. Doch ich habe mitten im Satz aufgehört zuzuhören, da etwas anderes meine Aufmerksamkeit beansprucht. Ein junger Mann kommt schnurstracks auf mich zu und wendet keine Sekunde lang den Blick von mir ab. Ich werde ganz aufgeregt, denn mich hat schon lange kein Mann mehr angesprochen. Und schon gar kein so gut aussehender wie dieser! Meistens wurde ich auf Tinder oder irgendeiner anderen bescheuerten Plattform geschmacklos angebaggert. Wie gut, dass ich mich Anfang des Jahres gegen mein Smartphone entschieden habe! Ich streiche mir nervös durch das Haar und setze mich aufrecht hin, da der Fremde mittlerweile neben mir Platz genommen hat. Er lächelt mich charmant an, macht mir ein Kompliment zu meiner Frisur und fragt schließlich: „Bekomme ich deine Handynummer?“

Zwölf.

Jeder Mensch hat etwas, das ihn antreibt. Das zumindest behauptet eine Bank in ihrer Fernsehwerbung. Was mich persönlich antreibt, könnt ihr ja vielleicht schon erahnen. Es ist das Schreiben. Ich liebe es und könnte mich stundenlang damit beschäftigen. Und genau das habe ich die letzten Wochen auch getan. Ich habe insgesamt zwölf Kurzgeschichten geschrieben, die ich im neuen Jahr monatlich posten werde. Im Mittelpunkt stehen verschiedene Protagonisten, die sich in manchmal auf einem Scheideweg und manchmal auf einer Zielgeraden befinden. Denn einige haben Glück und sind zufrieden, andere wiederum holt das Leben in seiner ganzen Rücksichtslosigkeit ein. Richtet euch schonmal eure gemütliche Leseecke ein, denn im Januar erscheint der erste Beitrag meiner Geschichtensammlung.