Kategorie: Kurzgeschichte

Die Mobilmachung

Er blickte auf seine Armbanduhr. Noch eine Stunde. Eine Stunde noch. Dann würde sich alles verändern. Alles! Schulschluss, Sommerferien und Verabschiedung. Im Klassenraum roch es nach Schweiß, Nervosität und Butterbrot. Ja eine Stunde noch, dann würden sich alle bereit machen. Vorbereiten auf das, was bald kommen würde: Die Zukunft. Genauso hatte er sich das vorgestellt. So musste es sich anfühlen, wenn man die Kontrolle besaß. Den Mut hatte, etwas Neues zu beginnen. Einen Schritt zu gehen, mit der Vergangenheit abzurechnen und mit der Schule für immer abzuschließen!

Ein leichtes Kribbeln machte sich in ihm breit. Würde denn auch alles so funktionieren wie er es geplant hatte? Oder würde alles aus dem Ruder laufen und er würde seine Entscheidung bitter bereuen? Nein. Bestimmt nicht. Er hatte so viel Zeit in seinen Plan investiert – es musste einfach klappen.

Interessiert blickte der Junge durch den Raum. Anhand der Gesten seiner Mitschüler konnte er deren Gefühle geradezu perfekt deuten. Er kannte sie alle ja schließlich gut genug. Sie waren ungeduldig, denn die Hitze im Klassenraum legte sich über ihre müden Körper. Aber die Sehnsucht nach den Sommerferien und einer neuen Zukunft hielt sie wach. Noch eine Stunde. Fast vier Jahre lang hatte er mit ihnen lernen, leben und leiden müssen. Vor allem leiden. Nie zuvor hatte er so leiden müssen wie in den letzten Schuljahren. Aber das war nun endlich vorbei!

Vorsichtig stand er auf und verließ den Raum. Alleine. Das war jetzt genau richtig. Die Situation war einfach zu ungewohnt. Generell hatte er während seiner Schulzeit viel Ungewohntes erlebt, was jedoch nach einiger Zeit zur völligen Gewohnheit wurde! Er hatte wilde Gefühle erlebt. Gefühle, die wie Wasserwellen aggressiv an Schiffen brachen und Gefühle, die mehr brannten als jedes Feuer dieser Welt. Doch nun kam die Veränderung. Etwas Neues. Fünf Minuten noch. Nur fünf, dann würde sich alles verändern.

Langsam fingen seine Mitschüler an, ihre Rucksäcke zu packen und sich gegenseitig schöne Sommerferien zu wünschen. Währenddessen hielt der Junge noch einmal vor der Tür inne. Bis er losstürmte und mit dem Revolver seines Vaters alle Zukunftsträume niederschoss.

Diese Erzählung ist meine allererste Kurzgeschichte. Zwar ist sie nicht – wie die anderen der Sammlung – extra für den Monat Juli geschrieben worden, aber sie hat sich diesen Platz verdient. Denn sie ist der Grund, weshalb ich überhaupt mit dem Schreiben anfing.

Neuer Mut im Sommer

Wir saßen am Fluss und grillten Bockwürste. Die Jungs hatten nur ihre Unterhosen an und sprangen mutig in den Fluss, um sich abzukühlen. Wir Mädchen hingegen fröstelten schon beim Anblick des noch kalten Wassers. Die Schule hatten wir heute allesamt geschwänzt, denn die Sonne schien hell und wir wollten lieber Spaß haben, als im stickigen Klassenraum zu sitzen. Also schmuggelten wir Dosenbier und eine Schachtel Zigaretten an unseren Eltern vorbei und packten alles in eine alte Stofftasche. Eine Stunde später saßen wir am Fluss.

Unsere Eltern hatten uns schon vor Tagen vor der tosenden Strömung gewarnt. Denn aufgrund des starken Niederschlags war der Fluss zu einer nicht zu unterschätzenden Gefahrenquelle geworden. Das interessierte uns allerdings kein Stück. Naja, die Jungs zumindest nicht. Wir Mädchen hatten sowieso kein Interesse daran, uns ausziehen und in das kalte Nass zu springen. Wir sahen lieber zu. 

Außer Natalie. Sie war schon immer ein bisschen sonderbar, denn sie wollte immer genau das tun, was die Jungs taten. Deshalb gab sie sich nicht mit Zuschauen am Flussufer zufrieden und zog sich die Klamotten aus. Bis auf die Unterwäsche. Dann hüpfte sie ins Wasser und lies sich mit der Strömung treiben. Als wir Natalie nach einiger Zeit aus den Augen verloren, wurden einige von uns nervös. Wo war sie hin? Ich ärgerte mich über sie, denn ihr ständiger Drang sich gegenüber den Jungs zu behaupten hatte sie schon mehrmals in Schwierigkeiten gebracht. Was sollten wir ihren Eltern sagen? Wie könnten wir das erklären?

Während ich mich in Gedanken verlor und über mögliche Ausreden nachdachte, hörte ich meine Freunde im Hintergrund hitzig diskutieren. Ihre Stimmen lösten in meinem Kopf aber nur ein dumpfes Pochen aus, sodass ich mir schließlich die Ohren zuhielt. So muss ich wohl einige Zeit dagestanden haben. Ich kann nicht sagen, ob es Minuten waren oder nur Sekunden. 

Plötzlich packte mich jemand an der Schulter und schüttelte mich so lange, bis ich wieder ganz bei mir war. Es war Natalie. Sie nahm mich bei der Hand und führte mich über die weiche Wiese zum Steg. Dort hatte sie eine alte Flaschenpost gefunden, deren Inhalt längst vergilbt war. „Ich glaube hier ist eine Karte versteckt. Lass sie uns ansehen und gemeinsam den Schatz finden.“ Grinsend hielt mir Natalie die grüne Flasche ins Gesicht und ich verstand in jenem Moment, dass Natalie genauso war, wie man im Sommer sein musste: Mutig und abenteuerlustig.

Trenn‘ dich vom Schicksal

„Neuer Schlafplatz? Sieht unbequem aus. Wünsch‘ dir trotzdem ’ne gute Nacht!“, rief mir der alte Harry zu, während er wie jeden Abend pünktlich um halb acht seine Ladentür abschloss, um den wohlverdienten Feierabend anzutreten. Wir beide hatten uns schon einige Monate nicht mehr gesehen, denn den Winter über kam ich in einer Einrichtung für Obdachlose unter. Jetzt im Mai waren die Tage wieder länger und die steigenden Temperaturen machten das Schlafen unter freiem Himmel endlich angenehmer. Gemütlich war es trotzdem nicht auf der Straße. Auch nicht im Sommer. Nie.

Ich richtete meinen grünen Schlafsack für die Nacht her und benutzte eine kaputte Strickmütze als Kissen. Der Schlafsack begleitete mich schon seit beinahe zehn Jahren. Das alte Ding hatte früher meinem Vater gehört. Während seiner Dienste beim Militär hatte er den das Ding regelmäßig benutzt. Der Stoff war immer noch robust und hielt mich ausreichend warm. Der Schlafsack war also nicht nur ein bisschen Stoff; es war gleichzeitig das Einzige, das mir von meinem Vater geblieben war. Das Einzige, das mich an ihn erinnerte. Mein Vater war zu Lebzeiten ein angesehener Mann gewesen, der es beruflich zu viel gebracht hatte. Außerdem ging er jeden Sonntag in die Kirche. Ein Vorbild.

Ich war dennoch ein wenig froh, dass er nicht mehr unter uns weilte. Denn hätte er mich – diese jämmerliche Gestalt die ich doch war – so gesehen, hätte das ihm vermutlich das Herz gebrochen. Früher wollte ich immer so werden wie er. Ich wollte einen Job, eine Familie, ein Haus. Aber alles was ich jetzt habe sind ein alter Schlafsack und eine kaputte Mütze. Nichts davon hätte ihn stolz gemacht.

Früher hatte ich anderen Menschen für alles die Schuld gegeben. Für mein zerbrochenes Leben, meine Einsamkeit und mein jämmerliches Dasein. Ich beschuldigte sie alle: Vom Vermieter bis hin zur Sachbearbeiterin des Arbeitsamtes. Manchmal gab ich sogar dem Schicksal die Schuld an meinem miesen Leben. Aber letztendlich spielte das alles keine Rolle mehr. Ich lebte auf der Straße und das würde ich vermutlich so lange tun, bis sie mich in endlich wegschaffen und in ein Armenbegräbnis werfen konnten.

Ich legte mich in mein improvisiertes Bett und schloss die Augen. Das Einschlafen viel mir schwer. Ich konnte einfach nicht zur Ruhe kommen. Die grölenden Jugendlichen und die fahrenden Autos waren nicht der Grund, denn an solche Geräusche hatte ich mich längst gewöhnt. Was mich hingegen tatsächlich wach hielt war die Erkenntnis, dass sich dringend etwas ändern musste in meinem Leben. Das ich etwas ändern musste. Dieser Gedanke hielt sich so hartnäckig, dass ich ihn schließlich ernst nahm. Ich brauchte wieder einen vernünftigen Job. Und vor allem eine eigene Wohnung. Aber wie sollte das gehen? Wie konnte ich wieder zurück ins Leben finden? Wie bekommt man eine Anstellung, wenn man weder über ordentliche Kleidung, geschweige denn über einen Computer verfügte? Ich besaß ja nicht mehr als das bisschen Stoff, das ich am Leibe trug. Der Gedanke also, gleich morgen früh zum Amt zu laufen, ließ mich schließlich müde werden.

„Guten Morgen! Was in aller Welt tust ’n da?“, wollte Harry von mir wissen, als er früh am Morgen sein Geschäft aufschloss und mich beim Aufräumen beobachtete. Ich erzählte ihm von meiner Entschlossenheit mir endlich einen Job zu suchen und mich um eine Wohnung zu kümmern. Harry, den ich mittlerweile seit vielen Jahren kannte, verzog kurz sein faltiges Gesicht und meinte schließlich: „Klasse Idee. Bekannter von mir sucht noch dringend Hilfe für die Bäckerei, da hat erst einer seine Lehre geschmissen. Wenn du möchtest, leg ich ’n gutes Wort für dich ein.“

Ich brauchte einen Augenblick, um zu verstehen, dass Harry mir gerade die Aussicht auf einen Job gegeben hatte. Ich war sprachlos, denn dieses Angebot kam unerwartet. „Das würdest du für mich tun? Obwohl ich auf der Straße lebe und zu nichts tauge? Obwohl ich schrecklich aussehe?“, fragte ich meinen alten Freund. „Red‘ keinen Quatsch. Bist doch ’ne gute Seele! Und hässlich bist du noch lange nicht. Da habe ich schon Schlimmere vor meiner Ladentür herumlungern sehen“, gab er zurück, ehe er losprustete. Sein Blick verriet mir aber, dass er tatsächlich glaubte, was er da von sich gab.

Harry dachte das also wirklich. Er hielt mich für eine gute Seele. Hatte er recht? Vielleicht war ich ja gar nicht so jämmerlich, wie ich immer dachte. Von der einen auf die andere Sekunde sah ich die Welt mit völlig anderen Augen. Sie erschien mir plötzlich bunt. Lebendig. Hoffnungsvoll. Ich war in diesem Moment die wohl glücklichste Frau auf der ganzen Welt. Mein Vater wäre stolz gewesen.

Von kleinen Ängsten und großen Pflichten

Ich sitze auf dem Schlafzimmerboden. Dabei sortiere ich die Socken meiner zwei Töchter. Schön. Ich kann mir wirklich keine bessere Beschäftigung für diesen Ostersonntag vorstellen. Aber als Mutter muss man eben vielen Pflichten nachkommen. Das tun die meisten Mütter auch gern, dazu noch mit unglaublich viel Herzblut. Als Mutter liebt man es, sich um alles zu kümmern. Bei mir ist das nicht anders. Socken sortieren gehört allerdings nicht dazu. Gibt es eine schlimmere, schwerere, ja vielleicht sogar herausforderndere Aufgabe als unsortierte Socken?

Blau – blau, schwarz – schwarz, rosa – rosa. Wo ist die zweite gelbe Socke? Ich bin so versunken in diese anspruchslose Akkordarbeit, dass ich mich beinahe in meinen Gedanken verliere. Das Gebrüll meiner jüngsten Tochter reißt mich schließlich aus meiner Tagträumerei. Mama! Karotta ist tot! Tot, tot, tot.

Der Schock sitzt tief. Die Kinder weinen bitterlich und ich versuche die Situation unter Kontrolle zu behalten. Einen kühlen Kopf zu bewahren. Alles für die Bestattung vorzubereiten. Karotta bekommt zwei Stunden später  eine angemessene Beerdigung, wie es sich für einen Hasen an Ostern eben gehört. Ein alter Schuhkarton dient als kleiner Sarg und die Mädchen haben Blumen gesammelt, um das Grab hübsch zu schmücken. Während ich meine Grabrede zum besten gebe, steht mein Mann nur da und schaut gelangweilt zum Haus unserer Nachbarn. Ich lasse mich davon allerdings nicht ablenken und konzentriere mich stattdessen auf meinen Monolog. Richtig vorbereiten konnte ich diesen ja nicht gerade, weshalb ich mich einfach an eine Trauerrede vor drei Jahren erinnere. Karotta hatte zwar nicht annähernd genauso viel erlebt wie die dahingeschiedene Frau Heinrich, aber sie war dennoch eine mindestens genauso standhafte Persönlichkeit gewesen. Zumindest im Vergleich zu anderen Hasen.

Dennoch ärgert es mich, dass ich mich wieder alleine um das Drama kümmern muss. Mein Mann war zwar nicht gerade für seine Feinfühligkeit bekannt, von einer vermeintlichen Redseligkeit ganz zu schweigen, aber er hätte mich doch ein wenig mehr unterstützen können in dieser unangenehmen Sache. Ja, denn genau das war es. Unangenehm. Der Tod kommt immer unpassend und unbequem, wann es ihm eben passt. Er fragt nicht: „Hallo hübsches Fräulein, wann würd’s denn gehen? Sollen’s lieber die Masern sein nächste Woche oder wollen’s lieber noch a bisserl warten? So beim Segeltörn mit 75?“ Gleiches gilt natürlich auch für Karotta, oder eben jedes andere Haustier. Den Rest des Lebens entscheiden wir aus einem Katalog heraus. Nur der Tod, der ist ganz schön eigen.

Mit dem Ende meiner Rede und dem Verbuddeln des Hasen-Sargs ist das Thema zu meiner Enttäuschung aber noch nicht erledigt. Ist Karotta jetzt im Hasenhimmel? Bekommt sie da gutes Futter? Oder muss sie da Salat essen? Mama, Salat schmeckt nicht. 

Hasenhimmel. Wer hat sich das nur wieder ausgedacht? Der Hase ist jetzt nirgends, außer in unserem Garten und zieht wahrscheinlich dabei noch irgendwelche Viecher an. Es gibt keinen Himmel. Früher war ich davon überzeugt, aus Karotta könnte irgendwann eine Nacktschnecke werden. Oder aus Frau Heinrich der nächste Präsident der Vereinigten Staaten. Diese Hoffnung habe ich aber aufgegeben. Denn wie schon gesagt, da ist nichts. Nichts, außer Dreck und Dunkelheit. Aber das kann man einem fünfjährigen Kind wohl nur schlecht genauso sagen.

Nun ist es meine älteste Tochter, die mich aus meinen Gedanken reißt. Ob es Karotten gibt, müsse sie jetzt dringend wissen. Weil falls nicht, würde sie welche auf das Grab legen. Karotta schmeckt ja sonst nichts. Wie ich sie so ansehe, mit ihren goldenen Locken und ihren kleinen Sommersprossen, kann ich einfach nicht anders. Karotta geht es gut, glaub mir. Sie bekommt jede Menge Karotten. Soviel, dass sie die gar nicht alle alleine essen kann. Aber das macht nichts, denn sie wird im Hasenhimmel ganz schnell Freunde finden, mit denen sie teilen kann. 

Diese Worte klingen seltsam falsch und mir läuft ein kalter Schauer über den Rücken. Als meine Töchter jedoch diesen frechen Blick aufsetzen und sich wissend zunicken, werde ich mir einer Sache bewusst: Es sind die Erwachsenen, die Angst haben. Nicht die Kinder. 

Zehn Tage Russland

Es gibt Menschen, die möchten eine Woche lang wandern im Harz. Oder die Alpen überqueren bis nach Meran. Und es gibt im Vergleich dazu noch viel mehr Menschen, die möchten sich an der Costa Brava sonnen oder in Venedig Tauben jagen. Und dann gibt es mich. Ich wollte schon immer unbedingt nach Russland. 

Warum ich das möchte? Ich könnte jetzt von den Moskauer Zwiebeltürmen schwärmen oder von richtigem Wodka. Aber das wäre vermutlich alles frech gelogen. Denn in Wahrheit möchte ich mich auf die Spuren eines besonderen Mädchens begeben, um mehr über die Umstände ihres tragischen Schicksals zu lernen. Anastasia.

Meine Mutter sagt, das sei keine anständige Beschäftigung für einen jungen Mann in seinen Zwanzigern. Ich solle doch lieber Sport machen und eine Frau kennenlernen. Dass ich noch nie zuvor eine wirkliche Freundin hatte, störte meine Mutter offensichtlich mehr als es mich selbst störte. Denn ich hatte im Augenblick meine Gedanken bei einer anderen jungen Frau. Als Kind sah ich das erste mal einen Disneyfilm über sie. Seitdem ließ mich ihre Geschichte nicht mehr los. Auch meiner besten Freundin war mein Ausflug nach Russland ein Dorn im Auge. Einem Geist würde ich hinterher jagen, denn das Kind wäre damals mit seiner Familie gestorben, meinte sie. Das sei längst bewiesen.

Mir war klar, dass Anastasia heute längst nicht mehr leben würde, selbst wenn ihr damals eine Flucht geglückt wäre. Dennoch lässt mich die Vorstellung nicht mehr los, wie ich durch die Straßen von Moskau ziehe und ihr in jeder Ecke, in jedem Laden und an jedem U-Bahn-Gleis begegnen könnte. Wie sie aussah wusste ich zwar nicht, aber in meinem Kopf hatte sich längst ein wunderhübsches Gesicht abgezeichnet. So schön und vollkommen, dass jeder unterlassene Versuch sie zu treffen eine Schande gewesen wäre.

Denn dass es für mich hier keine passende Frau gab, war nicht von der Hand zu weisen. Ich war nicht besonders gutaussehend und viele Macken hatte ich obendrein. Die Frauen meiner Fakultät beachteten mich nicht im geringsten und in der Nachbarschaft gab es auch niemanden. Meine beste Freundin war die einzige weibliche Person, die außer meiner Mutter Teil an meinem Leben hatte. Aber mit ihr eine Beziehung zu führen, wäre wahrscheinlich einfach nur lächerlich gewesen. Man kann mit niemanden ein Bett teilen, mit dem man sich schon im Sandkasten um eine Schaufel gestritten hatte. Und man konnte erst recht nicht mit jemanden ein Bett teilen, der wusste, dass man abends vor dem Zähneputzen dreimal blinzeln musste, weil man sonst einen Albtraum befürchtete.

Wir fuhren gemeinsam zum Flughafen. Meine beste Freundin begleitete mich, um sich noch persönlich für die nächsten Tage zu verabschieden. Das Flugzeug könnte ja abstürzen oder ich könnte einem Anschlag zum Opfer fallen. Es wäre möglich, dass wir uns nie wieder sehen würden. Unfug! Das war natürlich alles unbegründet und so versicherte ich ihr, dass ich wohlbehalten zurückkehren würde. Sodann verlies ich die Halle in Richtung meines Terminals.

Als ich zehn Tage später aus Russland heimkehrte, war ich zu einer Erkenntnis gelangt. Es war, als hätte mir jemand endlich die Augen geöffnet. Ich war um den halben Globus geflogen, um eine Person zu finden, die gar nicht existierte. Dabei wartete zu Hause eine andere Frau, die viel schöner war als alle Damen die ich in Russland getroffen hatte. Mit Freude im Herzen rannte ich auf die Ankunftshalle zu, um meine beste Freundin in die Arme zu schließen und ihr zu sagen, dass ich mich wie ein blinder und dummer Hund benommen hatte.

Ich blickte mich um, konnte ich hübsches Gesicht aber nirgends entdecken. In der Halle warteten einige Menschen auf die ankommenden Passagiere, um sie in Empfang zu nehmen. Sie war nicht unter ihnen. Hinter dem Gepäckband traf ich jedoch meine Mutter. Jene schien sich nicht besonders über meine Rückkehr zu freuen, denn ihr Blick war finster und traurig. Als ich Mutter fragte, wo denn meine beste Freundin geblieben sei, zog sie mich in näher zu sich und erzählte mir, dass Anna vor wenigen Tagen bei einem Autounfall ums Leben gekommen war.

Der Junge mit dem Zuckerherz

Wenn man verliebt ist, dann pocht das Herz. Und man bekommt schwitzige Hände und sagt dumme Sachen. Diese Dinge hatte Valentin in einer Zeitschrift für Erwachsene gelesen, welche seine Schwester heimlich unterm Bett aufbewahrte.

Valentin setzte sich auf seinen Schreibtischstuhl und machte eine Liste. Valentin machte immer Listen, denn das hatte er von seinem Opa gelernt. Mit dem Lineal zeichnete er gerade Linien auf das Papier, bis aus den einzelnen Bleistiftstrichen eine Tabelle wurde. Dann trug er alle Merkmale verliebter Menschen darin ein und überprüfte, ob sie auf ihn zutrafen.

Das pochende Herz und die schweißnassen Hände konnte er abhaken. Bei den dummen Sachen, die Verliebte von sich gaben, war er sich nicht so sicher. Denn er überlegte immer ganz genau, bevor er etwas sagte. Das war bei Jule nicht anders. Er war zwar unsterblich in sie verliebt, aber das ließ ihn ja noch lange nicht dumm werden. So was geht ja auch gar nicht, dachte er sich. Entweder man ist immer dumm, oder man ist es eben nicht.

Insgesamt vier der fünf Merkmale der Verliebtheit konnte Valentin abhaken. Dennoch war er nicht ganz zufrieden mit dem Ergebnis, denn es war ja schließlich nicht ganz eindeutig. Trotzdem beschloss er, für Jule in den Laden zu fahren und Süßkram in Herzform sowie eine schöne rote Blume zu kaufen. Denn das sollten Verliebte laut der Zeitschrift tun, um dem Gegenüber ihre Zuneigung deutlich zu machen.

Nutzen Sie den Valentinstag als gute Gelegenheit und überraschen Sie Ihren Partner oder Ihre Partnerin mit kleinen Geschenken. So zeigen Sie Ihre romantische Seite und können von sich überzeugen.

Diese Passage aus der Zeitschrift hatte Valentin auswendig gelernt, denn sie war mit Abstand die wichtigste. Da Valentin nie unvorbereitet aus dem Haus ging, steckte er vorsichtshalber eine weitere Liste ein, um die Einzelheiten von Jules Reaktion dokumentieren zu können. Außerdem hatte Valentin bereits sichergestellt, dass die Eltern seiner Auserwählten nicht daheim sein würden. Er wusste, dass die beiden nie vor zwei Uhr Nachmittags die Backstube verließen. Das hatte er beobachtet. Allerdings musste er sich beeilen, denn er hatte nicht mehr viel Zeit. Der Zeiger hatte die Eins bereits überschritten.

Bei ihr angekommen, stellte er sein blaues Fahrrad im tiefen Schnee ab und bereitete alles für das Zusammentreffen vor. Jule wusste zwar nicht, dass er sie besuchen wollte, aber das würde die Überraschung ja umso größer machen. Gerade als Valentin auf die Haustüre zugehen wollte, sah er Jule hinter dem Küchenfenster stehen. Aber sie war nicht alleine, denn sie schien sich mit jemandem zu unterhalten. Das ist bestimmt nur ihre Muttersie muss wohl heute früher nach Hause gekommen sein. Das war Valentins erster Gedanke. Er wusste genau, dass Mütter besser nicht bei einer Liebeserklärung dabei sein sollten. Wenn er Jule später heiraten würde, hätte er ja noch genug Zeit ihre Mutter kennenzulernen.

Leise schlich er sich also hinter einen großen Baum und beschloss, das Mädchen zunächst vorsichtig durch das Küchenfenster zu beobachten. Vielleicht musste ihre Mutter ja nochmal los. Einkaufen? Da die Möglichkeit bestand, entschied sich Valentin noch etwas abzuwarten. Zwar war ihm in seiner dünnen Jacke ein wenig kalt, aber das war es ihm wert. Was tut man nicht alles für die Liebe?

Das Warten sollte allerdings nicht von langer Dauer sein, denn Valentin sah Jule wenige Minuten später lachend aus der Haustüre treten. Wie Valentin richtig vermutet hatte, folgte ihr einige Sekunden später jemand über die Schwelle. Es aber nicht Jules Mutter, die dort mit ihr nach außen ging. Es war ein Junge, etwa in Valentins Alter. Die beiden hatten viel zu scherzen und schienen sich gut zu verstehen. Gerade als Valentin zu den beiden hingehen wollte, machte ihm der fremde Junge einen Strich durch die Rechnung. Denn er holte Süßkram in Herzform und eine rote Rose aus seiner Tasche und überreichte beides dem überraschten Mädchen.

Valentin brauchte keine Liste, um Jules Reaktion richtig schlussfolgern zu können. Sie war an dem Jungen interessiert, das war mehr als eindeutig. Also warf er seine beiden Papierfetzen in den Schnee und schwang sich auf sein altes Fahrrad. Wütend trat Valentin in die Pedale und redete sich ein, gar nicht in Jule verliebt zu sein. Der letzte Punkt auf seiner Liste hatte ja sowieso von Anfang an gefehlt.

Von schlechten Vorsätzen

Es ist Dienstag. Der erste Dienstag im neuen Jahr, denn gestern war Silvester. Ich habe lange gefeiert und bin erst vor wenigen Stunden mit leichten Kopfschmerzen nach Hause gekommen. Vielleicht hätte ich ein oder zwei Gläser Wein weniger trinken sollen, aber das spielt jetzt auch keine Rolle mehr. Der komplette Tag ist so gut wie verschwendet und ich werde wohl nichts weiter tun als die halbe Discounter-Lasagne von September aufzutauen, um wenigstens  eine Kleinigkeit zu essen.  Dass ich nicht gerade gut in das neue Jahr gekommen bin, ist kein besonders großes Geheimnis. Ich war ohne Begleitung auf der Feier von irgendeinem Bekannten meiner Cousine. Mitten in einer Menge von bedeutungslosen Personen, die bedeutungsloses Zeug geredet haben und spät Nachts bedeutungslosen Sex hatten. Und ich hab mir ein Glas Wein nach dem anderen reingeschüttet, um die Einsamkeit wenigstens ein bisschen zu ertragen. Aber immerhin hatte ich mein Handy dabei und konnte online mitverfolgen, wie andere Leute aus meinem Semester richtigen – also echten – Spaß hatten.

Ein schrilles Klingeln reist mich aus meinen Gedanken. War das schon der Ofen? Ich bin mir nicht sicher, denn ich habe das Geräusch noch nicht so oft gehört. Da das Gedröhne immer penetranter wird und nicht mehr aufhören will, fange ich an mein Schlafzimmer in allen Ecken zu durchsuchen. Was könnte das sein? Als ich gerade dabei bin, auf meinem Nachttisch nachzusehen, entdecke ich die Ursache meiner inzwischen mittelstarken Kopfschmerzen: Mein Handy. Ich muss wohl gestern beschwipst meinen Klingelton geändert haben, denn diese seltsam nervige Feuerwehrsirene hätte ich im nüchternen Zustand sicher nicht eingestellt. Ich erinnere mich allerdings wieder daran, dass ich vorhin das Handy versteckt habe, um nicht mit dem seltsamen Typen schreiben zu müssen, dem ich gestern meine Nummer gegeben hatte. Da ich allerdings den Namen meiner Cousine auf dem Display lese,  nehme ich den Anruf an.

„Hi, bist du wieder nüchtern? Hör mal zu, ich hab Neuigkeiten: Die Tante Rosie macht jetzt Yoga. Und die Lotte hat auch schon gesagt, dass sie ab nächster Woche abnehmen will und nur noch Vollkornnudeln kocht, weil die genauso satt machen und auch ganz bestimmt genauso gut schmecken wie die normalen Nudeln, also du weißt schon die mit Weizen halt, aber die sind auf jeden Fall gesünder!“, erzählt mir meine Cousine am Telefon in einer Schnelligkeit, als hätte sie noch nie etwas von der sogenannten Atmung gehört. Da ich keine Lust habe, mir auch noch anzuhören was der Rest der Verwandtschaft in diesem Jahr alles besser machen will, verabschiede ich mich mit einem kurzen Tschüss und lege auf.

„Pah, Vollkornnudeln. Das einzige, auf das ich dieses Jahr verzichten werde, ist mein verdammtes Telefon!“, sage ich aus Spaß zu meinem Kater und werfe das Smartphone auf mein Boxspringbett. Obwohl ich das eigentlich überhaupt nicht ernst gemeint habe, gefällt mir der Gedanke irgendwie. Denn egal ob der bedeutungslose Flirt von gestern oder eben meine Cousine: Sie alle haben meine Handynummer und damit die ultimative Möglichkeit, mich rund um die Uhr zu nerven. Denn ich bin so süchtig nach dem Teil, dass ich es kaum aus der Hand legen kann. „Was meinst du, Apollo? Ist das eine gute Idee, mein Handy einfach mal für ein Jahr lang auszulassen?“, will ich von ihm wissen. Ein leises Miau genügt und ich habe meine Antwort. Entschlossen nehme ich also mein Handy und gehe damit auf den Speicher. Ein letzter Post, ein letzter Hinweis an Freunde und Verwandte und schon wird das Ding für die nächsten 365 Tage in irgendeiner Kiste verschwinden. Also schreibe ich:

Handy ab sofort aus. Zeit wird künftig sinnvoller investiert!

Es dauert keine zwei Minuten, schon erscheinen etliche Kommentare und Nachrichten auf meinem Display:

Hat die Telekom wieder was verbockt? 

Freut mich, dass du endlich schwanger bist! 

Oh, machst du jetzt doch die Weltreise?

Ich bin über die Nachrichten so verärgert, dass ich mich in meinem Entschluss noch einmal bestärkt fühle. Unglaublich, dass es mittlerweile so unnormal ist, wenn jemand einfach mal das Handy ausmacht. Also: Weg mit dem Ding!

Einen Monat später sitze ich in der Küche und habe Langeweile. Der letzte Teil meiner Krimiserie ist zu Ende gelesen, meine Cousine hat kurzfristig abgesagt, im TV läuft nichts und –  so Gott will – ich habe immer noch kein Handy! Die ersten  drei Wochen sind eigentlich wie im Flug vergangen und ich habe mein Telefon überhaupt nicht vermisst. Im Gegenteil: Ich habe viel häufiger das Haus verlassen, um mich mit anderen zu treffen oder habe den Nachmittag alleine mit Lesen zugebracht. Jetzt allerdings sitze ich hier und weiß nichts mit mir anzufangen. Als Kind hätte ich mit Sicherheit irgendeine Beschäftigung gefunden. Jetzt, als erwachsene Frau, bin ich mit der Langeweile komplett überfordert. Dennoch bin ich fest entschlossen, das Projekt „handylos“ weiterhin durchzuziehen und mich auf wichtigere Dinge zu fokussieren. In den Urlaub fahren zum Beispiel. Denn seit ich kaum noch die Urlaubsbilder meiner Freunde sehen kann, zieht es mich umso mehr in die Ferne. Im alten Jahr war ich von jedem Gardasee „Schnappschuss“ und jeder Außenansicht des Hamburger Michels genervt. Jetzt vermisse ich es.

Weitere zwei Monate später ist das erste Quartal des neuen Jahres schon wieder vorbei und mein Smartphone längst in Vergessenheit geraten. Mittlerweile habe ich sogar aufgehört über den Verlust (falls man das so nennen kann) nachzudenken und angefangen mein handyfreies Leben zu genießen. Ich verabrede mich deshalb spontan mit meiner Cousine in einer Bar. Wir setzen uns an den Tresen, bestellen zwei Flaschen Bier und besprechen, wo wir im Herbst Urlaub machen wollen. Dass ich gerne nach Kuba möchte und sie lieber nach Schweden, macht die Sache nicht gerade einfach, aber immerhin scheint uns der Gesprächsstoff nicht auszugehen. „Die Lotte war auch schon in Schweden und die hat gesagt, dass es da voll schön ist und ich glaub ihr das, weil die schon an voll vielen Orten war.“, versucht sie mich zu überzeugen. Doch ich habe mitten im Satz aufgehört zuzuhören, da etwas anderes meine Aufmerksamkeit beansprucht. Ein junger Mann kommt schnurstracks auf mich zu und wendet keine Sekunde lang den Blick von mir ab. Ich werde ganz aufgeregt, denn mich hat schon lange kein Mann mehr angesprochen. Und schon gar kein so gut aussehender wie dieser! Meistens wurde ich auf Tinder oder irgendeiner anderen bescheuerten Plattform geschmacklos angebaggert. Wie gut, dass ich mich Anfang des Jahres gegen mein Smartphone entschieden habe! Ich streiche mir nervös durch das Haar und setze mich aufrecht hin, da der Fremde mittlerweile neben mir Platz genommen hat. Er lächelt mich charmant an, macht mir ein Kompliment zu meiner Frisur und fragt schließlich: „Bekomme ich deine Handynummer?“

Zwölf.

Jeder Mensch hat etwas, das ihn antreibt. Das zumindest behauptet eine Bank in ihrer Fernsehwerbung. Was mich persönlich antreibt, könnt ihr ja vielleicht schon erahnen. Es ist das Schreiben. Ich liebe es und könnte mich stundenlang damit beschäftigen. Und genau das habe ich die letzten Wochen auch getan. Ich habe insgesamt zwölf Kurzgeschichten geschrieben, die ich im neuen Jahr monatlich posten werde. Im Mittelpunkt stehen verschiedene Protagonisten, die sich in manchmal auf einem Scheideweg und manchmal auf einer Zielgeraden befinden. Denn einige haben Glück und sind zufrieden, andere wiederum holt das Leben in seiner ganzen Rücksichtslosigkeit ein. Richtet euch schonmal eure gemütliche Leseecke ein, denn im Januar erscheint der erste Beitrag meiner Geschichtensammlung.