Kategorie: Kurzgeschichte (Seite 1 von 2)

Das schönste Geschenk

Man kann sich viel wünschen. Ein Perlenarmband, ein elektrisches Keyboard, oder einen Besuch im Disneyland. Das alles ist natürlich eine Frage des Geldbeutels; nichtsdestotrotz scheinen Eltern an Weihnachten besonders viel Zaster für ihre Lieben auszugeben. Ich wünsche mir dieses Jahr jedoch eine Sache, die wenig kostet: Meinen Papa.

Er ist ein beschäftigter Mann, mein Papa. Als Anwalt arbeitet er für eine große Kanzlei, die überall im Land vertreten ist und schon viele wichtige Fälle angenommen hat. Letztes Jahr hat Papa einen bekannten Schauspieler vor Gericht verteidigt – und gewonnen. Und auch in diesem Jahr war er ständig unterwegs gewesen, um seine Mandanten vor Ort zu unterstützen.

Am 24. Dezember, also am Heiligen Abend, sollte Papa aus Berlin heimkommen. Er hatte dort eine kleinkarierte Künstlerin vertreten, die aufgrund eines ihrer Gemälde in einen Rechtsstreit geraten war. Papa hatte mir kürzlich erst geschrieben, dass er bald daheim sein würde. Doch der Schneesturm, der seit Tagen über das Land fegte, schien ein baldiges Wiedersehen unmöglich zu machen. Denn die Flughäfen sagten alle anstehenden Abreisetermine ab und auch die Schienen der Bahn waren unmöglich zu befahren. Alle Mietwagen waren darüber hinaus bereits ausgebucht.

Ich war traurig. Denn statt mit meinen beiden Eltern fröhlich am Kaminfeuer Mensch-Ärgere-Dich-Nicht zu spielen und heiße Schokolade zu trinken, mussten meine Mutter und ich wohl alleine Weihnachten feiern. Enttäuscht nahm ich das dritte Gedeck vom Tisch und verstaute Papas Geschenk wieder im Schrank. Weihnachten war für mich gelaufen.

Meine Mutter, die nicht gern das Handtuch warf, saß auf Papas Schreibtischstuhl und dachte nach. Plötzlich schien ihr eine Idee zu kommen. Sie schlug vor, mit dem Auto nach Berlin zu fahren und Weihnachten im Hotel mit Papa zu verbringen. „Der Schnee ist stark, ich weiß. Aber mit etwas Proviant überstehen wir die Fahrt sicher. Ich rufe deinen Vater an und sage ihm, dass wir kommen werden. Packst du uns etwas heiße Schokolade und Kekse ein?“

Und so kam es, dass Mama und ich kurzerhand im Wagen saßen und nach Berlin fuhren. Die Straßen waren mit Schnee bedeckt, aber auffallend leer. Die meisten Menschen mussten schon bei ihren Familien sitzen und Weihnachtsbraten futtern. Bis auf den Winterdienst verirrte sich kaum jemand auf die Autobahn. Die Fahrt zog sich einige Stunden, aber mit Plätzchen und Kakao brachten wir die Zeit auf der Straße leicht hinter uns.

Angekommen im Hotel, wurden wir schon freundlich vom Personal in Empfang genommen. Aufgeregt sprang ich die Treppen hinauf bis hin zum Zimmer meines Vaters. Vorsichtig öffnete ich die Tür. Im Raum entdeckte ich zuerst einen improvisierten Weihnachtsbaum aus grünen Ästen, daneben einen Stapel Gesellschaftsspiele und drei Schachteln Pizza. 

Mein Vater trat plötzlich aus einer Ecke hervor und schloss mich fest in die Arme. Sein Gesichtsausdruck verriet mir, dass er überglücklich war, uns beide zu sehen. Enttäuscht teilte ich ihm jedoch mit, dass ich sein Weihnachtsgeschenk im Schrank vergessen hatte. Mit einem breiten Lachen im Gesicht antwortete mein Vater: „Mit dir Weihnachten zu feiern ist das schönste Geschenk!“

Uromas Weihnachten

Es ist Heiligabend, der 24. Dezember. Der Beginn der Weihnachtsfeiertage. Ich wärme mich am Kaminfeuer und höre das Holz knistern. Mir gegenüber sitzt Uroma. Sie hat es sich in ihrem roten Sessel bequem gemacht. Die alte Decke aus Schafswolle hängt immer noch über der Lehne. Das tut sie eigentlich seit ich denken kann. Als wäre es nie anders gewesen. Als gehöre sie einfach dort hin. 

„Mein Junge“, beginnt Uroma den Dialog, „Was hast du dir denn dieses Jahr zu Weihnachten gewünscht?“ Schon bevor sie den Satz zu Ende gesprochen hat, weiß ich schon tausend Antworten. Da ist dieser Rucksack, den ich neulich im Internet gesehen habe. Oder die großen Kopfhörer, die im Bus jeder trägt, damit man die Gespräche der anderen Menschen nicht hören muss. Oder die Eintrittskarte für Rock im Park im nächsten Jahr.

 „Gewünscht habe ich mir viel. Ich hoffe, dass meine Eltern wenigstens eines der Dinge besorgt haben. Was hast du dir eigentlich gewünscht, als du in meinem Alter warst?“, will ich von ihr wissen. Plötzlich scheint meine Urgroßmutter nachdenklich zu werden, denn ich sehe, wie sie mich mit einem ernsten Blick mustert. „Ich? In deinem Alter?“, sagt sie, als hätte sie die Frage nicht richtig verstanden. „In deinem Alter hatten wir keine Wünsche. Naja, einen Wunsch zumindest hatten wir doch: Frieden. Für die Menschen in unserem Land und alle anderen Menschen auf der Welt. Wir haben kaum etwas besessen, denn man hat uns damals alles weggenommen. Unsere Eltern, unsere Geschwister unsere Nachbarn. Ja, nicht einmal den Frieden mit uns selbst haben sie uns gelassen. Wir verbrachten die Feiertage meistens mit Warten. Worauf, das kann ich dir nicht sagen. Auf den längst verloren geglaubten Ehemann, auf ein warmes Abendessen und manchmal auch einfach nur auf ein nettes Lächeln.“ 

Während meine Urgroßmutter von früher erzählt, merke ich, wie sehr sie scheinbar längst vergangene Zeiten noch immer verfolgen. Ein Gefühl von Scham überkommt mich. Ich schwärme von irgendwelchen Rockkonzerten und unnötigem Kram, während meine Uroma an Weihnachten wahrscheinlich nicht einmal eine warme Mahlzeit hatte. „Du bringst mich zum Nachdenken“, sage ich und schnappe mir mein altes Notebook. „Ich muss deine Geschichte aufschreiben. Jedes einzelne Wort. Und werde dann andere junge Menschen bitten, sich mit ihren Großeltern über früher zu unterhalten. Alle sollen daran erinnert werden, dass wir Weihnachten genießen sollten. Aber nicht, weil wir mit Geschenken überhäuft werden oder wir essen können bis uns übel wird. Nein. Wir sollten Weihnachten genießen, weil wir es in Frieden feiern können. Mit unseren Familien, Freunden und Bekannten. Denn das ist nicht schon immer selbstverständlich.“ Meine Urgroßmutter, die normalerweise keine Frau großer Gefühle ist, beginnt zu weinen. Eine weiche Träne wandert über ihre faltigen Backen und landet schließlich auf dem Strickpullover. Ich nehme die alte Dame in den Arm und lege meinen Kopf auf ihre Schulter. Nach einiger Zeit schlafen wir ein und ich träume von Krieg, Angst und Einsamkeit. 

Ein aufdringlicher Geruch von Rosmarin und Bratensoße befreit mich schließlich aus meinem Albtraum. Ich stehe vorsichtig auf, um Urgroßmutter nicht zu wecken, die noch immer friedlich in ihrem Sessel liegt und schnarcht. Meine Mutter bittet mich zu Tisch und beginnt die Teller zu verteilen. Sie sind blau bemalt und aus Porzellan. Nur an Weihnachten, also genau einmal im Jahr, werden die Teller benutzt. Sonst interessiert sich niemand für sie. Vergessen liegen die antiken Teller im Schrank und schlummern unter einer Staubschicht.

Als meine Mutter den Braten an den Tisch bringt, möchte ich meine Urgroßmutter wecken. „Sei still und lass die arme Frau schlafen, Junge. Sie ist müde und erschöpft. Ihre Knochen tun weh und in letzter Zeit bekommt sie sowieso nur selten ein Auge zu.“, meint meine Mutter in einem Ton, der mir deutlich macht, wie ernst es ihr ist. Das Argument überzeugt mich allerdings nur wenig und so gehe ich auf den Sessel zu, um Uroma aufzuwecken.

Mit gläsernen Augen starrt die Neunzigjährige auf den reich gedeckten Gabentisch. Ihre Mimik verrät mir, dass  meine Entscheidung richtig war. Ein Bauchgefühl. Meine Eltern werfen mir jedoch einen wütenden Blick zu und mein Vater meint schließlich: „Du hättest Oma schlafen lassen sollen. Du merkst doch, wie erschöpft sie ist.“ Entschlossen schüttle ich den Kopf und sage: „Sie hat Weihnachten schon zu oft verpasst. Das soll nie wieder so sein. Heute sind wir alle beisammen; die Familie, die Katzen und ein feines Festmahl. Ich lasse nicht zu, dass Uroma das verschläft.“ Zum ersten Mal an diesem Abend sehe ich, wie sich ein Grinsen auf dem Gesicht der alten Frau abzeichnet. „Danke“, flüstert sie in meine Richtung und schnappt sich das letzte Stück Rinderbraten.

Hans geht Heim

Hans hasst es, wenn es anfängt zu schneien und er in seinen Stoffschuhen nasse Füße bekommt. Im Oktober geht das noch mit den Stoffschuhen. Denn da ist es zwar kalt, aber nicht nass. Nun ist Ende November und Hans hat schon genug vom bevorstehenden Winter. 

Er schaut auf die große Tanne neben dem Feldweg. Hier kommt er jeden Tag vorbei, wenn er nach der Arbeit heim läuft. Auf dem Nadelbaum liegt eine dünne Schicht weißes Pulver. Und das nervt Hans. Im Büro haben alle davon gesprochen, wie sehr sie sich auf den Winter freuen. „Schon hundert Wochen vorher machen die Menschen mega Aufriss, weil sie wollen, dass endlich Weihnachten ist. Aber sobald Schnee vom Himmel kommt und auf den Straßen das Chaos ausbricht, wollen alle den Winter loswerden. Als sei er ein ungebetener Gast, der einfach nicht heim gehen will. Aber mir geht es ja nicht anders. Weihnachten in Honolulu, das wär’s.“, denkt Hans und läuft weiter seinen Weg in Richtung Wald.

Einige Meter weiter macht Hans erneut Halt, denn er kommt an einem alten Fahrzeug vorbei. Es ist das Taxi, das schon seit fünfzehn Jahren am selben Zaun steht und nie fortbewegt wird. Im Ort erzählt man sich verschiede Gruselgeschichten über den verlassenen Wagen, denn keiner weiß eigentlich, wem die Schrottkiste gehört. „Da sollen die Kinder nur aufpassen, wenn sie hier spielen, denn die Seele des bösen Taxifahrers schleicht immer noch im Wald herum. Mit seinem Gurt erwürgt er die Gören.“, flüstert Hans, als würde er jemanden erschrecken wollen. Dann lacht er laut, denn Hans selbst schenkt der Geschichte keinen Glauben. „Die Leute im Ort erfinden immer die kuriosesten Schauergeschichten. Dumme Wichtigtuer sind sie alle miteinander!“, denkt er sich. Hans runzelt kurz die Stirn, dann wendet er sich wieder dem Auto zu.

Auch das Taxi ist leicht mit Schnee bedeckt und steht ganz still an Ort und Stelle. Als würde es sagen wollen: Ich bin unschuldig. Die kalten Monate werden an meinem Lack nagen, deshalb muss ich nun mehrere Wochen schlafen. „Ich hoffe, dass der Winter sehr schnell vorbei ist! Dann werde ich dich fit machen für die Straße. Die Leute werden blöd schauen, wenn sie sehen, dass ich mit der alten Karre durch den Ort fahre.“, sagt Hans zu dem Wagen, als könnte dieser ihn verstehen. Hans weiß aber, dass die Unterhaltung schwachsinnig ist. Er ist ja nicht dumm. Deswegen läuft er weiter, um nicht zu spät heim zu kommen. Er hat eigentlich nur das kurze Waldstück zu durchstreifen – fast ist er schon da. Hans läuft schneller, denn die Sonne verlässt den Horizont und ihm ist nicht ganz wohl, so alleine im Wald. Seine Stoffschuhe sind schon klitschnass.

Knack. „Was war das? Ein Ast? Ein Tier?“,  fragt sich Hans, als er plötzlich etwas hört. Ein Gefühl von Panik erfasst seinen dünnen Körper. Hier hat sich doch gerade jemand bewegt? Hans blickt sich um und entdeckt es: Kleine Hände am Waldrand ragen aus dem Schnee. Vorsichtig nähert er sich der Stelle und erschrickt: Der hilflose, tote Körper des Nachbarmädchens liegt auf dem Boden. Auf ihrem nackten Hals liegt etwas Schwarzes. Es ist der Gurt aus dem Taxi.

Das übertrifft alles, was Hans je gesehen hat. Ihm wird kalt. Es ist doch nur eine Schauergeschichte! Das kann es nicht geben! In diesem Moment wünscht sich Hans, dass meterhoch Neuschnee fällt, um den leblosen Körper zu bedecken und den schlimmen Anblick unter sich zu begraben. Und weil er Angst hat und seine Stoffschuhe nass sind, rennt er heim.

Der Tod klopft auch an deine Tür

Wenn ich aus dem Fenster blicke, sehe ich viele Menschen, die glücklich sind. Vielleicht liegt es daran, dass die unerträgliche Hitze der letzten Monate endlich vorüber ist, oder es liegt daran, dass bald Weihnachten ist. Aber es ist doch erst Oktober! Werden die meisten jetzt entsetzt feststellen. Wie kann man da schon an Weihnachten denken? Eine gute Frage. Aber wer sich genauer umschaut, findet die Antwort überall. Denn Menschen sind ungeduldig. Es kann ihnen niemals schnell genug gehen. Egal ob Frühling, Sommer, Herbst oder Winter: Immer wartet schon das nächste Projekt, die nächste Feier, das nächste große Erlebnis. Dabei vergessen sie, das Jetzt festzuhalten. Das Leben.

Die Menschen wollen sich jedoch permanent mit anderen vergleichen. Mit dem Nachbarn, der das größere Auto fährt, mit der Großtante, die zwei akademische Grade besitzt oder mit den Adoptiveltern aus dem Schulchor, die gerade ihr Traumhaus bauen. Das Eigene ist nie gut genug und kleine Freuden wertlos. Man rennt nach einem langen Tag im Büro in das nächste Baumarktgeschäft, um neuen Rollrasen zu kaufen, damit jeder sieht, wie gepflegt das eigene Anwesen ist. Die Türe ist frisch gestrichen und an der Schwelle hängen bunte Blumen, die je nach Saison eine andere Farbe haben. Dass der Tod aber eines Tages an diese Türen klopfen wird und dann niemand mehr hinsehen will, daran wollen sie nicht denken. 

Ich jedoch möchte nicht an diesem wahnsinnigen Lebenswettbewerb teilnehmen. Generell werde ich das nie wieder tun. Seit mir Tante Eva von der Diagnose erzählt hat, sehe ich die Welt mit anderen Augen. Denn das Leben ist endlich, und die Menschen rennen dauernd davor weg. Haltlos und gestresst. Überarbeitet und unterwegs. Dieses Trauerspiel will nicht aufhören. Also habe ich beschlossen, einen Ausweg zu finden und mich für eine Weile zurückzuziehen.

Und ich habe es geschafft. Denn ich verweile hier in einem romantischen Fachwerkhaus, das meiner Tante Eva gehört, lausche meiner Lieblingsband und starre aus dem Fenster. Ich habe keine Pläne für den Tag. Ich habe keine Einkaufsliste und ich habe niemanden, der mich zu etwas drängt oder auf mich wartet. Außer einer krummen Staffelei, die ich im Schuppen gefunden habe. Vielleicht werde ich später malen. Eine Landschaft, einen Kürbis oder ein anderes herbstliches Motiv. Ein berühmter Maler wird aus mir zwar nicht werden, aber ich denke Giuseppe Arcimboldo wäre stolz gewesen. Er hätte sich bestimmt darüber gefreut, dass fünfhundert Jahre später jemand um die Ecke kommt und die schönen Dinge des Lebens festhält. Still und friedlich.

Vielleicht ist auch meine Tante Eva irgendwann stolz, wenn sie sieht, was ich ihr hinterlassen werde. Denn es bleiben mir nur noch wenige Tage, dann wird der Tod an der Türe des Fachwerkhauses klopfen und mich zu sich holen. Er wird sich am Abend vor Allerheiligen unter die Masse mischen und mit seinem schwarzen Gewand um die Häuser ziehen, um sich zu nehmen, was er will. Und er will mich. Tante Eva hat mich wochenlang gepflegt und dagegen angekämpft. Aber der Gegner war zu stark. Sie wird bald nicht mehr viel von mir haben. Die Erinnerung wird mit den Jahren verblassen. Aber vielleicht holt sie eines Tages das Bild aus einem alten Karton und hängt es auf. Als Erinnerung an den Moment, der so still war und so friedlich.

Fremde Freundschaften

Sie war neu im Ort. Kürzlich erst war sie hergezogen. Hatte sich außer grünen Vorhängen nichts gekauft, denn sie hatte schon alles besessen. Von der Couch bis hin zu den Cocktailgläsern hatte sie alles aus der alten Wohnung mitgenommen. Etwas hatte sie dennoch vermisst. Eine Sache, die man nicht im Supermarkt kaufen konnte und auch nicht beim Möbelgeschäft um die Ecke. 

„Ich brauche Freunde.“, sagte sie leise zu sich selbst und schaute dabei vom Balkon aus hinweg über die Dächer ihres neuen Heimartortes. Ja. Freunde waren es, die sie brauchte. Sie hatte schon keine gehabt, als sie noch woanders gewohnt hatte. Doch innerlich sehnte sie sich nach Freundschaft. Nach einer Person zum Reden, Lachen und Weinen. Nach einer Person zum Nägel lackieren und zum Ausgehen am Abend. In Gedanken versunken schenkte sie sich ein Glas des besten Discounter-Rotweins ein, den sie finden konnte, und setzte sich auf ihren alten Gartenstuhl. „Die Wohnung ist ja ganz schön.“, dachte sie, „aber viel zu einsam. Ich werde mir wohl endlich Freunde suchen müssen.“

Und so kam es, dass sie einige Tage später am Dorffest teilnahm, in der Hoffnung auf neue Bekanntschaften zu treffen. Sie besorgte sich ein Bier, setzte sich auf eine freie Bank und wartete. Sie wartete, weil sie erwartete, dass man sie wohl ansprechen würde. Doch niemand kam. „Sind die denn alle nicht an neuen Freundschaften interessiert?“, fragte sie sich selbst und hielt Ausschau.

Und da sah sie sie. Perfekt! Die Frau sah aus, wie eine perfekte Freundin eben auszusehen hatte! Also sprang sie auf, um die Fremde anzusprechen und sie zu sich einzuladen. Zuhause hatte sie ja noch den Discounter-Rotwein geöffnet im Kühlschrank stehen.

Und so kam es, dass sie mit der Fremden Rotwein trank, sich unterhielt und lachte. Sie lackierten sich sogar die Nägel gegenseitig. „Besser kann es nicht sein.“, kicherte sie und fühlte sich gut dabei. Denn sie glaubte, die eine Sache gefunden zu haben, die es nirgends zu kaufen gab. Wenige Zeit später verließ die fremde neue Freundin ihre Wohnung. Doch mit ihr verschwanden auch Wertsachen aus der alten Kommode im Flur, sowie ein rosa Sparschwein, das auf ebendieser Kommode gestanden hatte.

Und so kam es, dass sie plötzlich traurig war. Sie hatte sich getäuscht in der Fremden. Sie war doch perfekt! Und dennoch war sie nichts als jemand, der seine Chance wohl zu gut genutzt hatte. Enttäuscht schenkte sie sich den letzten Tropfen Wein ins Glas und dachte daran, dass ihr etwas fehlte.

Eine Sache, die es weder im Supermarkt noch im Möbelgeschäft um die Ecke zu kaufen gab. Wahre Freundschaft. Diese war wohl schwerer zu finden als sie angenommen hatte. „Die Wohnung ist ja ganz schön. Aber ziemlich einsam. Ich brauche Freunde, denen ich blind vertrauen kann. Es muss nicht immer Tage geben, an denen wir lachen oder weinen können gemeinsam. Oder an denen wir uns viel zu sagen haben. Wir müssen uns einfach nur vertrauen können.“, dachte sie und sah dabei hinweg über die Dächer ihres neuen Heimatortes.

Allein nach Wien

Ich saß im Zug nach Wien und bereitete mich gedanklich auf den Vortrag vor. Man hatte mich gebeten, auf einem Symposium über die neuesten Ergebnisse meiner Forschungsarbeit zu referieren. Das Angebot kam ganz recht. Denn so erhielt ich die Chance, mein Projekt auch über die Landesgrenzen hinaus in der Branche bekannter zu machen. Es bestand demnach die Möglichkeit, neue Forschungsgelder an Land zu ziehen und weitere Unterstützung zu erhalten. Also hatte ich die Einladung dankend angenommen und für das Wochenende nichts weiter geplant. Wien wartete schon auf mich. 

Die Stadt und mich trennte noch eine etwa vierstündige Fahrt mit der Bahn. Eigentlich fuhr ich gerne mit dem Zug. Allerdings nicht gerade in der stressigen Ferienzeit und schon gar nicht ganze vier Stunden lang. Nichtsdestotrotz versuchte ich das Beste daraus zu machen, schließlich blieb mir keine andere Wahl. Ein eigenes Auto besaß ich nicht und auf das Flugzeug wollte ich verzichten.

Ich lehnte mich also zurück und starrte aus dem Fenster. Dabei beobachtete ich gespannt die goldenen Kornfelder der umliegenden Bauernhöfe sowie verlassene Wiesen, die durch die Sommerhitze schon langsam braun wurden. Ich stellte mir vor, wie mühsam es früher gewesen sein musste, ohne Maschinen die Felder zu bewirtschaften, um das Jahr über nicht hungern zu müssen. Wie dankbar war ich für unsere heutige Technik. Sie erleichtert uns in vielerlei Hinsicht das Leben. Was die Menschen wohl früher zu einem vollautomatisierten Mähdrescher gesagt hätten? Diese – eher rhetorische – Frage hielt sich so hartnäckig in meinem Kopf, bis meine Augen schließlich schwer wurden. 

Plötzlich schreckte ich hoch, da sich die Türe zu meinem Abteil öffnete und eine fremde Dame die kleine Parzelle betrat. Ich musste wohl eingeschlafen sein, denn wir hatten gerade eine größere Stadt passiert. Dort war sie zugestiegen. Ich rückte meine beiden Koffer zur Seite, um der jungen Frau Platz zu machen. Sie war für die heutige Zeit sehr stilvoll gekleidet, denn sie hatte einen Mantel in bordeauxrot und einen passenden Hut. Um ehrlich zu sein fühlte ich mich in Anwesenheit dieser eleganten Erscheinung sehr wohl, denn ich selbst trug den besten Anzug den ich besaß, während die anderen Fahrgäste eher auf bequeme Kleidung zurückgegriffen hatten. Die junge Frau nahm schließlich schräg gegenüber Platz und gab außer einem schüchternen Lächeln nicht viel von sich Preis. Es wirkte fast so, als würde sie gezielt versuchen jeden Blickkontakt mit mir zu vermeiden. Und wäre sie nicht so bildschön gewesen, hätte ich vermutlich ebenfalls weggesehen. Aber meine innere Stimme und mein Herz sagten mir, dass ich zumindest versuchen musste, mit ihr ins Gespräch zu kommen. Also fragte ich sie, wohin ihre Reise wohl gehen würde und ob sie denn alleine unterwegs sei. 

Die Antwort ließ jedoch auf sich warten. Die Dame machte keine Anstalten, sich auf ein Gespräch mit mir einzulassen. Vermutlich war das Fräulein einfach unsicher, da ich mich zuvor nicht vorgestellt hatte. Wie unhöflich. Also holte ich das nach und erzählte ihr von meiner Promotion und dem Vortrag, den man in Wien von mir hören wollte. Daraufhin setzte in ihrem Gesicht erneut ein vorsichtiges Lächeln ein, eine Antwort bekam ich allerdings immer noch nicht. 

Urplötzlich stand die junge Frau auf und kramte etwas aus ihrer braunen Ledertasche. Es war eine alte Schreibtafel, wie ich sie noch aus Schulzeiten kannte. Wir hatten jene Schreibutensilien früher benutzen müssen, um alle Buchstaben des Alphabets zu lernen. Das Fräulein kritzelte etwas auf die alte Tafel und schielte dabei unsicher in meine Richtung. Als sie fertig war, hielt sie kurz inne und drehte die Tafel schließlich um. Ich las: Ich fahre auch allein nach Wien. 

Als ich diesen kurzen Satz las, verstand ich, weshalb sie sich auf keine Konversation mit mir eingelassen hatte. Sie konnte es nicht. Die junge Frau war taubstumm. Sie musste wohl gut darin sein, die Lippen anderer zu lesen. „Würden Sie mich nach Wien begleiten? Wir könnten gemeinsam zu Abend essen.“, fragte ich langsam, um sicherzugehen, dass sie die Lippenbewegungen richtig interpretieren konnte. Die Schöne nickte eifrig und lächelte erneut. Dieses Mal war es aber ein selbstbewusstes Lächeln, da war ich mir sicher. 

Ich bestellte uns zwei dünnflüssige Humpen Kaffee aus der Bordkantine und wir saßen den Rest der Fahrt beisammen, während ich von meiner Arbeit erzählte und sie wie gebannt an meinen Lippen hing. Wir beide genossen die Gesellschaft des jeweils anderen und freuten uns auf die nächsten Tage. Denn wir fuhren nicht länger allein nach Wien.

Die Mobilmachung

Er blickte auf seine Armbanduhr. Noch eine Stunde. Eine Stunde noch. Dann würde sich alles verändern. Alles! Schulschluss, Sommerferien und Verabschiedung. Im Klassenraum roch es nach Schweiß, Nervosität und Butterbrot. Ja eine Stunde noch, dann würden sich alle bereit machen. Vorbereiten auf das, was bald kommen würde: Die Zukunft. Genauso hatte er sich das vorgestellt. So musste es sich anfühlen, wenn man die Kontrolle besaß. Den Mut hatte, etwas Neues zu beginnen. Einen Schritt zu gehen, mit der Vergangenheit abzurechnen und mit der Schule für immer abzuschließen!

Ein leichtes Kribbeln machte sich in ihm breit. Würde denn auch alles so funktionieren wie er es geplant hatte? Oder würde alles aus dem Ruder laufen und er würde seine Entscheidung bitter bereuen? Nein. Bestimmt nicht. Er hatte so viel Zeit in seinen Plan investiert – es musste einfach klappen.

Interessiert blickte der Junge durch den Raum. Anhand der Gesten seiner Mitschüler konnte er deren Gefühle geradezu perfekt deuten. Er kannte sie alle ja schließlich gut genug. Sie waren ungeduldig, denn die Hitze im Klassenraum legte sich über ihre müden Körper. Aber die Sehnsucht nach den Sommerferien und einer neuen Zukunft hielt sie wach. Noch eine Stunde. Fast vier Jahre lang hatte er mit ihnen lernen, leben und leiden müssen. Vor allem leiden. Nie zuvor hatte er so leiden müssen wie in den letzten Schuljahren. Aber das war nun endlich vorbei!

Vorsichtig stand er auf und verließ den Raum. Alleine. Das war jetzt genau richtig. Die Situation war einfach zu ungewohnt. Generell hatte er während seiner Schulzeit viel Ungewohntes erlebt, was jedoch nach einiger Zeit zur völligen Gewohnheit wurde! Er hatte wilde Gefühle erlebt. Gefühle, die wie Wasserwellen aggressiv an Schiffen brachen und Gefühle, die mehr brannten als jedes Feuer dieser Welt. Doch nun kam die Veränderung. Etwas Neues. Fünf Minuten noch. Nur fünf, dann würde sich alles verändern.

Langsam fingen seine Mitschüler an, ihre Rucksäcke zu packen und sich gegenseitig schöne Sommerferien zu wünschen. Währenddessen hielt der Junge noch einmal vor der Tür inne. Bis er losstürmte und mit dem Revolver seines Vaters alle Zukunftsträume niederschoss.

Diese Erzählung ist meine allererste Kurzgeschichte. Zwar ist sie nicht – wie die anderen der Sammlung – extra für den Monat Juli geschrieben worden, aber sie hat sich diesen Platz verdient. Denn sie ist der Grund, weshalb ich überhaupt mit dem Schreiben anfing.

Neuer Mut im Sommer

Wir saßen am Fluss und grillten Bockwürste. Die Jungs hatten nur ihre Unterhosen an und sprangen mutig in den Fluss, um sich abzukühlen. Wir Mädchen hingegen fröstelten schon beim Anblick des noch kalten Wassers. Die Schule hatten wir heute allesamt geschwänzt, denn die Sonne schien hell und wir wollten lieber Spaß haben, als im stickigen Klassenraum zu sitzen. Also schmuggelten wir Dosenbier und eine Schachtel Zigaretten an unseren Eltern vorbei und packten alles in eine alte Stofftasche. Eine Stunde später saßen wir am Fluss.

Unsere Eltern hatten uns schon vor Tagen vor der tosenden Strömung gewarnt. Denn aufgrund des starken Niederschlags war der Fluss zu einer nicht zu unterschätzenden Gefahrenquelle geworden. Das interessierte uns allerdings kein Stück. Naja, die Jungs zumindest nicht. Wir Mädchen hatten sowieso kein Interesse daran, uns ausziehen und in das kalte Nass zu springen. Wir sahen lieber zu. 

Außer Natalie. Sie war schon immer ein bisschen sonderbar, denn sie wollte immer genau das tun, was die Jungs taten. Deshalb gab sie sich nicht mit Zuschauen am Flussufer zufrieden und zog sich die Klamotten aus. Bis auf die Unterwäsche. Dann hüpfte sie ins Wasser und lies sich mit der Strömung treiben. Als wir Natalie nach einiger Zeit aus den Augen verloren, wurden einige von uns nervös. Wo war sie hin? Ich ärgerte mich über sie, denn ihr ständiger Drang sich gegenüber den Jungs zu behaupten hatte sie schon mehrmals in Schwierigkeiten gebracht. Was sollten wir ihren Eltern sagen? Wie könnten wir das erklären?

Während ich mich in Gedanken verlor und über mögliche Ausreden nachdachte, hörte ich meine Freunde im Hintergrund hitzig diskutieren. Ihre Stimmen lösten in meinem Kopf aber nur ein dumpfes Pochen aus, sodass ich mir schließlich die Ohren zuhielt. So muss ich wohl einige Zeit dagestanden haben. Ich kann nicht sagen, ob es Minuten waren oder nur Sekunden. 

Plötzlich packte mich jemand an der Schulter und schüttelte mich so lange, bis ich wieder ganz bei mir war. Es war Natalie. Sie nahm mich bei der Hand und führte mich über die weiche Wiese zum Steg. Dort hatte sie eine alte Flaschenpost gefunden, deren Inhalt längst vergilbt war. „Ich glaube hier ist eine Karte versteckt. Lass sie uns ansehen und gemeinsam den Schatz finden.“ Grinsend hielt mir Natalie die grüne Flasche ins Gesicht und ich verstand in jenem Moment, dass Natalie genauso war, wie man im Sommer sein musste: Mutig und abenteuerlustig.

Trenn‘ dich vom Schicksal

„Neuer Schlafplatz? Sieht unbequem aus. Wünsch‘ dir trotzdem ’ne gute Nacht!“, rief mir der alte Harry zu, während er wie jeden Abend pünktlich um halb acht seine Ladentür abschloss, um den wohlverdienten Feierabend anzutreten. Wir beide hatten uns schon einige Monate nicht mehr gesehen, denn den Winter über kam ich in einer Einrichtung für Obdachlose unter. Jetzt im Mai waren die Tage wieder länger und die steigenden Temperaturen machten das Schlafen unter freiem Himmel endlich angenehmer. Gemütlich war es trotzdem nicht auf der Straße. Auch nicht im Sommer. Nie.

Ich richtete meinen grünen Schlafsack für die Nacht her und benutzte eine kaputte Strickmütze als Kissen. Der Schlafsack begleitete mich schon seit beinahe zehn Jahren. Das alte Ding hatte früher meinem Vater gehört. Während seiner Dienste beim Militär hatte er den das Ding regelmäßig benutzt. Der Stoff war immer noch robust und hielt mich ausreichend warm. Der Schlafsack war also nicht nur ein bisschen Stoff; es war gleichzeitig das Einzige, das mir von meinem Vater geblieben war. Das Einzige, das mich an ihn erinnerte. Mein Vater war zu Lebzeiten ein angesehener Mann gewesen, der es beruflich zu viel gebracht hatte. Außerdem ging er jeden Sonntag in die Kirche. Ein Vorbild.

Ich war dennoch ein wenig froh, dass er nicht mehr unter uns weilte. Denn hätte er mich – diese jämmerliche Gestalt die ich doch war – so gesehen, hätte das ihm vermutlich das Herz gebrochen. Früher wollte ich immer so werden wie er. Ich wollte einen Job, eine Familie, ein Haus. Aber alles was ich jetzt habe sind ein alter Schlafsack und eine kaputte Mütze. Nichts davon hätte ihn stolz gemacht.

Früher hatte ich anderen Menschen für alles die Schuld gegeben. Für mein zerbrochenes Leben, meine Einsamkeit und mein jämmerliches Dasein. Ich beschuldigte sie alle: Vom Vermieter bis hin zur Sachbearbeiterin des Arbeitsamtes. Manchmal gab ich sogar dem Schicksal die Schuld an meinem miesen Leben. Aber letztendlich spielte das alles keine Rolle mehr. Ich lebte auf der Straße und das würde ich vermutlich so lange tun, bis sie mich in endlich wegschaffen und in ein Armenbegräbnis werfen konnten.

Ich legte mich in mein improvisiertes Bett und schloss die Augen. Das Einschlafen viel mir schwer. Ich konnte einfach nicht zur Ruhe kommen. Die grölenden Jugendlichen und die fahrenden Autos waren nicht der Grund, denn an solche Geräusche hatte ich mich längst gewöhnt. Was mich hingegen tatsächlich wach hielt war die Erkenntnis, dass sich dringend etwas ändern musste in meinem Leben. Das ich etwas ändern musste. Dieser Gedanke hielt sich so hartnäckig, dass ich ihn schließlich ernst nahm. Ich brauchte wieder einen vernünftigen Job. Und vor allem eine eigene Wohnung. Aber wie sollte das gehen? Wie konnte ich wieder zurück ins Leben finden? Wie bekommt man eine Anstellung, wenn man weder über ordentliche Kleidung, geschweige denn über einen Computer verfügte? Ich besaß ja nicht mehr als das bisschen Stoff, das ich am Leibe trug. Der Gedanke also, gleich morgen früh zum Amt zu laufen, ließ mich schließlich müde werden.

„Guten Morgen! Was in aller Welt tust ’n da?“, wollte Harry von mir wissen, als er früh am Morgen sein Geschäft aufschloss und mich beim Aufräumen beobachtete. Ich erzählte ihm von meiner Entschlossenheit mir endlich einen Job zu suchen und mich um eine Wohnung zu kümmern. Harry, den ich mittlerweile seit vielen Jahren kannte, verzog kurz sein faltiges Gesicht und meinte schließlich: „Klasse Idee. Bekannter von mir sucht noch dringend Hilfe für die Bäckerei, da hat erst einer seine Lehre geschmissen. Wenn du möchtest, leg ich ’n gutes Wort für dich ein.“

Ich brauchte einen Augenblick, um zu verstehen, dass Harry mir gerade die Aussicht auf einen Job gegeben hatte. Ich war sprachlos, denn dieses Angebot kam unerwartet. „Das würdest du für mich tun? Obwohl ich auf der Straße lebe und zu nichts tauge? Obwohl ich schrecklich aussehe?“, fragte ich meinen alten Freund. „Red‘ keinen Quatsch. Bist doch ’ne gute Seele! Und hässlich bist du noch lange nicht. Da habe ich schon Schlimmere vor meiner Ladentür herumlungern sehen“, gab er zurück, ehe er losprustete. Sein Blick verriet mir aber, dass er tatsächlich glaubte, was er da von sich gab.

Harry dachte das also wirklich. Er hielt mich für eine gute Seele. Hatte er recht? Vielleicht war ich ja gar nicht so jämmerlich, wie ich immer dachte. Von der einen auf die andere Sekunde sah ich die Welt mit völlig anderen Augen. Sie erschien mir plötzlich bunt. Lebendig. Hoffnungsvoll. Ich war in diesem Moment die wohl glücklichste Frau auf der ganzen Welt. Mein Vater wäre stolz gewesen.

Von kleinen Ängsten und großen Pflichten

Ich sitze auf dem Schlafzimmerboden. Dabei sortiere ich die Socken meiner zwei Töchter. Schön. Ich kann mir wirklich keine bessere Beschäftigung für diesen Ostersonntag vorstellen. Aber als Mutter muss man eben vielen Pflichten nachkommen. Das tun die meisten Mütter auch gern, dazu noch mit unglaublich viel Herzblut. Als Mutter liebt man es, sich um alles zu kümmern. Bei mir ist das nicht anders. Socken sortieren gehört allerdings nicht dazu. Gibt es eine schlimmere, schwerere, ja vielleicht sogar herausforderndere Aufgabe als unsortierte Socken?

Blau – blau, schwarz – schwarz, rosa – rosa. Wo ist die zweite gelbe Socke? Ich bin so versunken in diese anspruchslose Akkordarbeit, dass ich mich beinahe in meinen Gedanken verliere. Das Gebrüll meiner jüngsten Tochter reißt mich schließlich aus meiner Tagträumerei. Mama! Karotta ist tot! Tot, tot, tot.

Der Schock sitzt tief. Die Kinder weinen bitterlich und ich versuche die Situation unter Kontrolle zu behalten. Einen kühlen Kopf zu bewahren. Alles für die Bestattung vorzubereiten. Karotta bekommt zwei Stunden später  eine angemessene Beerdigung, wie es sich für einen Hasen an Ostern eben gehört. Ein alter Schuhkarton dient als kleiner Sarg und die Mädchen haben Blumen gesammelt, um das Grab hübsch zu schmücken. Während ich meine Grabrede zum besten gebe, steht mein Mann nur da und schaut gelangweilt zum Haus unserer Nachbarn. Ich lasse mich davon allerdings nicht ablenken und konzentriere mich stattdessen auf meinen Monolog. Richtig vorbereiten konnte ich diesen ja nicht gerade, weshalb ich mich einfach an eine Trauerrede vor drei Jahren erinnere. Karotta hatte zwar nicht annähernd genauso viel erlebt wie die dahingeschiedene Frau Heinrich, aber sie war dennoch eine mindestens genauso standhafte Persönlichkeit gewesen. Zumindest im Vergleich zu anderen Hasen.

Dennoch ärgert es mich, dass ich mich wieder alleine um das Drama kümmern muss. Mein Mann war zwar nicht gerade für seine Feinfühligkeit bekannt, von einer vermeintlichen Redseligkeit ganz zu schweigen, aber er hätte mich doch ein wenig mehr unterstützen können in dieser unangenehmen Sache. Ja, denn genau das war es. Unangenehm. Der Tod kommt immer unpassend und unbequem, wann es ihm eben passt. Er fragt nicht: „Hallo hübsches Fräulein, wann würd’s denn gehen? Sollen’s lieber die Masern sein nächste Woche oder wollen’s lieber noch a bisserl warten? So beim Segeltörn mit 75?“ Gleiches gilt natürlich auch für Karotta, oder eben jedes andere Haustier. Den Rest des Lebens entscheiden wir aus einem Katalog heraus. Nur der Tod, der ist ganz schön eigen.

Mit dem Ende meiner Rede und dem Verbuddeln des Hasen-Sargs ist das Thema zu meiner Enttäuschung aber noch nicht erledigt. Ist Karotta jetzt im Hasenhimmel? Bekommt sie da gutes Futter? Oder muss sie da Salat essen? Mama, Salat schmeckt nicht. 

Hasenhimmel. Wer hat sich das nur wieder ausgedacht? Der Hase ist jetzt nirgends, außer in unserem Garten und zieht wahrscheinlich dabei noch irgendwelche Viecher an. Es gibt keinen Himmel. Früher war ich davon überzeugt, aus Karotta könnte irgendwann eine Nacktschnecke werden. Oder aus Frau Heinrich der nächste Präsident der Vereinigten Staaten. Diese Hoffnung habe ich aber aufgegeben. Denn wie schon gesagt, da ist nichts. Nichts, außer Dreck und Dunkelheit. Aber das kann man einem fünfjährigen Kind wohl nur schlecht genauso sagen.

Nun ist es meine älteste Tochter, die mich aus meinen Gedanken reißt. Ob es Karotten gibt, müsse sie jetzt dringend wissen. Weil falls nicht, würde sie welche auf das Grab legen. Karotta schmeckt ja sonst nichts. Wie ich sie so ansehe, mit ihren goldenen Locken und ihren kleinen Sommersprossen, kann ich einfach nicht anders. Karotta geht es gut, glaub mir. Sie bekommt jede Menge Karotten. Soviel, dass sie die gar nicht alle alleine essen kann. Aber das macht nichts, denn sie wird im Hasenhimmel ganz schnell Freunde finden, mit denen sie teilen kann. 

Diese Worte klingen seltsam falsch und mir läuft ein kalter Schauer über den Rücken. Als meine Töchter jedoch diesen frechen Blick aufsetzen und sich wissend zunicken, werde ich mir einer Sache bewusst: Es sind die Erwachsenen, die Angst haben. Nicht die Kinder.