Autor: Jacqueline (Seite 1 von 4)

Viele Stücke vom selben Kuchen

Wer Soziologie studiert, der beschäftigt sich früher oder später mit rätselhaften Begriffen wie „Allokation“ oder „Probleme öffentlicher Gemeingüter“. In der Regel ist damit nichts anderes gemeint als die faire Gestaltung unseres täglichen Zusammenlebens. Das fängt schon bei der Bahnhofstoilette an und zieht sich über die Mehrwertsteuer hin zum Abitur. Doch wer entscheidet eigentlich, was fair ist? Und warum reden hauptsächlich Forscher über Fairness und nicht schon Kindergartenkinder?

Was gut für alle ist, ist nicht immer gut für jeden 

Ressourcen sind knapp. Das ist keine Überraschung, auch kein Geheimnis. Wir baden nicht alle in endlos viel Geld und können uns nicht alle ein Haus auf dem Land kaufen. Denn wenn das so wäre, bräuchten wir ja auch keine Volkswirtschaft. Diese lebt nämlich von der Verteilung knapper Ressourcen. Land, Besitz, Bildung. Jeder soll ein ein Stück vom Kuchen abbekommen, quasi. Dass die Kuchenstücke nicht immer gleich groß sind und manche nur Krümel abbekommen, während andere vergnügt in die Mitte beißen, ist leider unfair. Wir selbst, und damit meine ich hauptsächlich uns Otto Normalverbraucher, haben aber das Bewusstsein für die Knappheit von Ressourcen verloren. Denn wenn wir durch den Supermarkt laufen, leiden wir eher an einer Reizüberflutung statt an einer Dankbarkeit für die fleißigen Landwirte. Deshalb beschäftigen sich hauptsächlich Forscher mit der Frage, wie man knappe Ressourcen fair verteilen kann. Das Problem: Die sind auch nur Menschen und können sich deshalb keine 82 Millionen Bürger*innen im Detail anschauen und überlegen, was das Beste für jeden ist. Sondern immer nur, was das Beste für alle ist. Aber was gut für alle ist, ist nicht immer gut für jeden. 

Aber was ist eigentlich gut für jeden?

Dass wir nicht alle in Geld schwimmen oder ein Landhaus besitzen können, haben wir ja bereits erörtert. Der Anspruch sollte also nicht sein, dass wir alle wunschlos glücklich sind. Aber eine allgemein faire Verteilung – das wär’s doch. Eine sichere Bleibe, genug Geld für Essen und ein Zugang zu Bildung, Kultur und nicht zuletzt medizinischer Versorgung wären bereits ausreichend. Menschen die ihre Miete nicht mehr bezahlen können, Rentner die in Mülltonnen nach Leergut suchen oder Kinder in Armut beweisen jedoch, dass wir uns von der fairen Verteilung immer weiter wegbewegen. 

Ein weiteres Beispiel: Immer mehr Schulabgänger entscheiden sich dafür ein Studium zu beginnen. Die Gründe sind laut Handelsblatt unterschiedlich: Die Berufsaussichten für Akademiker sind gut und sowohl Arbeitswelt als auch Gesellschaft haben sich verändert. Das ist auch kein Wunder, wenn man bedenkt, dass in Deutschland geplant, gezeichnet und entworfen wird. Aber letztendlich nicht produziert. Das wird hauptsächlich aus Kostengründen im Ausland gemacht. Und die Akademiker, die dann in Deutschland planen, zeichnen und entwerfen, verdienen gutes Geld. Während viele, die noch echter Handarbeit nachgehen, vom Mindestlohn leben müssen und ihre Miete nicht mehr bezahlen können. Die Schere zwischen Arm und Reich wird also wirklich immer größer. Dabei sind auch für Handwerker die Jobaussichten – zumindest in der Theorie – super gut. Denn Haare schneiden sich genauso wenig von selbst wie sich Fließen von alleine verlegen. Es wird also früher oder später ein enormes Ungleichgewicht entstehen; und dann sitzen gut bezahlte Akademiker unter ihren teuren Dächern und starren die Löcher an, die niemand stopfen kann.

Der Kommunismus ist kein Erlöser

Dass uns nur noch eine Planwirtschaft erlösen kann, streite ich an dieser Stelle aber auch gerne ab. Wir brauchen die Volkswirtschaft. Sie bestimmt selbst, welche Ressourcen wir wo und wann sinnvoll einsetzen können. Was fair ist. Doch wie überall braucht es auch hier gute Spielregeln. Denn wenn diese fehlen und sich niemand mehr verantwortlich fühlt, dann bricht das System zusammen. Und natürlich macht diese Spielregeln der Staat. Er legt den Mindestlohn fest, er subventioniert Landwirte und er bestimmt letztlich den Steuersatz. Aber vielleicht sollten wir der „unsichtbaren Hand des Marktes“ mehr Selbstbestimmung zuschreiben. Denn niemand mag zu viele Spielregeln.  

Wenn wir also schon im Kindergarten feststellen, dass jeder andere Talente hat, die sich super ergänzen lassen, hätten wir vielleicht schon gewonnen. Und wenn wir dann auch noch lernen, dass jede Kartoffel einen Preis hat, der jenseits des Kassenzettels Menschen versorgen muss, könnten wir vielleicht in einer faireren Welt leben. Für beides braucht es aber vor allem Eines: gegenseitige Wertschätzung. 

Der Tod klopft auch an deine Tür

Wenn ich aus dem Fenster blicke, sehe ich viele Menschen, die glücklich sind. Vielleicht liegt es daran, dass die unerträgliche Hitze der letzten Monate endlich vorüber ist, oder es liegt daran, dass bald Weihnachten ist. Aber es ist doch erst Oktober! Werden die meisten jetzt entsetzt feststellen. Wie kann man da schon an Weihnachten denken? Eine gute Frage. Aber wer sich genauer umschaut, findet die Antwort überall. Denn Menschen sind ungeduldig. Es kann ihnen niemals schnell genug gehen. Egal ob Frühling, Sommer, Herbst oder Winter: Immer wartet schon das nächste Projekt, die nächste Feier, das nächste große Erlebnis. Dabei vergessen sie, das Jetzt festzuhalten. Das Leben.

Die Menschen wollen sich jedoch permanent mit anderen vergleichen. Mit dem Nachbarn, der das größere Auto fährt, mit der Großtante, die zwei akademische Grade besitzt oder mit den Adoptiveltern aus dem Schulchor, die gerade ihr Traumhaus bauen. Das Eigene ist nie gut genug und kleine Freuden wertlos. Man rennt nach einem langen Tag im Büro in das nächste Baumarktgeschäft, um neuen Rollrasen zu kaufen, damit jeder sieht, wie gepflegt das eigene Anwesen ist. Die Türe ist frisch gestrichen und an der Schwelle hängen bunte Blumen, die je nach Saison eine andere Farbe haben. Dass der Tod aber eines Tages an diese Türen klopfen wird und dann niemand mehr hinsehen will, daran wollen sie nicht denken. 

Ich jedoch möchte nicht an diesem wahnsinnigen Lebenswettbewerb teilnehmen. Generell werde ich das nie wieder tun. Seit mir Tante Eva von der Diagnose erzählt hat, sehe ich die Welt mit anderen Augen. Denn das Leben ist endlich, und die Menschen rennen dauernd davor weg. Haltlos und gestresst. Überarbeitet und unterwegs. Dieses Trauerspiel will nicht aufhören. Also habe ich beschlossen, einen Ausweg zu finden und mich für eine Weile zurückzuziehen.

Und ich habe es geschafft. Denn ich verweile hier in einem romantischen Fachwerkhaus, das meiner Tante Eva gehört, lausche meiner Lieblingsband und starre aus dem Fenster. Ich habe keine Pläne für den Tag. Ich habe keine Einkaufsliste und ich habe niemanden, der mich zu etwas drängt oder auf mich wartet. Außer einer krummen Staffelei, die ich im Schuppen gefunden habe. Vielleicht werde ich später malen. Eine Landschaft, einen Kürbis oder ein anderes herbstliches Motiv. Ein berühmter Maler wird aus mir zwar nicht werden, aber ich denke Giuseppe Arcimboldo wäre stolz gewesen. Er hätte sich bestimmt darüber gefreut, dass fünfhundert Jahre später jemand um die Ecke kommt und die schönen Dinge des Lebens festhält. Still und friedlich.

Vielleicht ist auch meine Tante Eva irgendwann stolz, wenn sie sieht, was ich ihr hinterlassen werde. Denn es bleiben mir nur noch wenige Tage, dann wird der Tod an der Türe des Fachwerkhauses klopfen und mich zu sich holen. Er wird sich am Abend vor Allerheiligen unter die Masse mischen und mit seinem schwarzen Gewand um die Häuser ziehen, um sich zu nehmen, was er will. Und er will mich. Tante Eva hat mich wochenlang gepflegt und dagegen angekämpft. Aber der Gegner war zu stark. Sie wird bald nicht mehr viel von mir haben. Die Erinnerung wird mit den Jahren verblassen. Aber vielleicht holt sie eines Tages das Bild aus einem alten Karton und hängt es auf. Als Erinnerung an den Moment, der so still war und so friedlich.

Umweltsünderin

Vergib mir Herr, denn ich habe gesündigt. Ich habe eine Flugreise gemacht. Bin mit dem Jet auf eine ferne Insel geflogen, habe unfassbar viele Kilometer hinter mich gebracht und deswegen auch massiv CO2 verursacht. Mist.

„Flight-Shame“ ist das neue Unwort

Fernreisen. Was vor einigen Jahren noch als ein aufregendes Erlebnis junger Menschen verstanden wurde, gilt jetzt schon fast als Tabu. „Flight-Shame“, zu deutsch „Flug-Scham“, hat schon jetzt das große Potential, Unwort des Jahres zu werden. Im Genaueren bedeutet der Begriff, dass Personen sich für ihre Flugreisen rechtfertigen müssen, ja teilweise sogar dafür schämen. Denn durch den Flug wird, wie oben bereits erwähnt, viel Kohlenstoffdioxid freigesetzt. Und das, wie wir alle wissen, ist schlecht für unser globales Klima.

Was also tun? Sich in die Ecke stellen und schämen? Keinem vom Flug erzählen – oder besser noch: niemals mehr fliegen? Die Antwort ist natürlich, wie eigentlich fast alles im Leben, weder schwarz noch weiß. Jemanden für seine Reise zu verurteilen wäre genauso falsch, wie Flugreisen generell zu verbieten. Denn was solche Reisen fördern – und da versteht mich sicher jeder, der bereits andere Länder besucht hat – das Miteinander. Toleranz, Kulturerlebnisse und Interesse aneinander sind einige Stichpunkte, die an einem jeden Reisenden haften bleiben. In einer Zeit in der Rassismus und Fremdenfeindlichkeit langsam wieder Einzug in Parlamente halten, ist es umso wichtiger, dass wir über unseren eigenen Tellerrand hinausblicken und andere Kulturen wertschätzen. Das geht am besten, wenn man diese Kulturen auch im echten Leben kennenlernt.

Aber das ist der Umwelt doch egal?!

Klar, das ist der Umwelt egal. Beziehungsweise dem Klima. Der Flieger setzt trotzdem CO2 frei. Es braucht also einen Weg, um einen Ausgleich zu schaffen. Eine Balance – wenn man so will. Wie die aussieht, muss letztendlich jeder für sich entscheiden. Das Bewusstsein dafür, welche Verantwortung man nach einem Flug tragen muss, sollte den Anfang machen. Ich in meinem Fall werde via Atmosfair meinen Flug kompensieren. Ich werde also einen Betrag (errechnet an der von mir verursachten CO2-Menge) an die Organisation spenden. Mit den Geldern werden dann weltweite Projekte gefördert, welche die Menge an Kohlenstoffdioxid an einer anderen Stelle einsparen.

Man könnte jetzt behaupten, dass ich es mir damit besonders leicht mache. Ein Privileg der kapitalistischen Gesellschaft quasi. Ich treibe was ich will, und am Ende steck ich jemanden ein bisschen Geld in die Tasche. So auf die Art: „80 Euro, dann ist dat Ding aber jut bezahlt“. Aber nö nö! So wird das nicht laufen. Denn ich werde weiterhin in meinem Alltag möglichst auf Plastik verzichten, die regionale Landwirtschaft unterstützen und meinen Bedarf an Strom und Wasser niedrig halten. Außerdem habe ich vor, die nächsten Jahre auf jeden Fall in der Nähe Urlaub zu machen.

Mai (von Mailab) hat in einem ihrer Videos ein klasse Beispiel gebracht. Nehmen wir Person A. Person A hat Müll in den Wald geschmissen, obwohl er sich normalerweise für Umweltschutz einsetzt. Person B hat auch Müll in den Wald geschmissen, leugnet das aber. Und Person C hat ebenfalls Müll in den Wald geschmissen, steht aber offen und ehrlich dazu, dass ihm das egal ist. Eigentlich müssten wir C hassen, weil sein Verhalten unvorbildlich und echt uncool ist. Aber: Eigentlich finden wir Person C ganz sympathisch, weil wer wenigstens ehrlich war. Und Person B ist ein Lügner, aber das lassen wir auch noch irgendwie durchgehen. Schließlich scheint er zu wissen, dass sein Verhalten falsch war. Wen wir aber gar nicht abkönnen, ist Person A! Denn A ist offensichtlich ein Heuchler – und wir hassen Heuchler mehr als Lügner! Aber… STOP. Wir sollten C hassen, weil er offensichtlich keinen Bock auf Umweltschutz hat. Person A hat einen Fehler gemacht, aber wenigstens ist ihm der Fehler bewusst.

„Wer frei von Sünde ist, der werfe den ersten Stein.“ Dieser kluge Satz, der schon in der Bibel stand bla bla, hat bis heute nicht an Bedeutung verloren. Denn wir sind alle keine Heiligen, jeder von uns ist Klimasünder. Sich für ein bewussteres Leben einzusetzen bedeutet nicht, dass man ab sofort in einer Waldbaracke hausen muss. Es bedeutet auch nicht, dass man nie mehr Fleisch essen oder fliegen darf. Denn es bedeutet in erster Linie nur, dass man trotz des westlichen Lebensstils irgendwie versucht, ein besserer Mensch zu sein.

Herbstgefühl

Wenn Träume über Wiesen fliegen
Und Bäume bunte Blätter kriegen
Wenn Kinder durch die Pfützen laufen
Und Frauen neue Pullis kaufen
Wenn alle Kürbissuppe naschen
Und ihre nassen Hosen waschen
Dann ist Herbst.

Fremde Freundschaften

Sie war neu im Ort. Kürzlich erst war sie hergezogen. Hatte sich außer grünen Vorhängen nichts gekauft, denn sie hatte schon alles besessen. Von der Couch bis hin zu den Cocktailgläsern hatte sie alles aus der alten Wohnung mitgenommen. Etwas hatte sie dennoch vermisst. Eine Sache, die man nicht im Supermarkt kaufen konnte und auch nicht beim Möbelgeschäft um die Ecke. 

„Ich brauche Freunde.“, sagte sie leise zu sich selbst und schaute dabei vom Balkon aus hinweg über die Dächer ihres neuen Heimartortes. Ja. Freunde waren es, die sie brauchte. Sie hatte schon keine gehabt, als sie noch woanders gewohnt hatte. Doch innerlich sehnte sie sich nach Freundschaft. Nach einer Person zum Reden, Lachen und Weinen. Nach einer Person zum Nägel lackieren und zum Ausgehen am Abend. In Gedanken versunken schenkte sie sich ein Glas des besten Discounter-Rotweins ein, den sie finden konnte, und setzte sich auf ihren alten Gartenstuhl. „Die Wohnung ist ja ganz schön.“, dachte sie, „aber viel zu einsam. Ich werde mir wohl endlich Freunde suchen müssen.“

Und so kam es, dass sie einige Tage später am Dorffest teilnahm, in der Hoffnung auf neue Bekanntschaften zu treffen. Sie besorgte sich ein Bier, setzte sich auf eine freie Bank und wartete. Sie wartete, weil sie erwartete, dass man sie wohl ansprechen würde. Doch niemand kam. „Sind die denn alle nicht an neuen Freundschaften interessiert?“, fragte sie sich selbst und hielt Ausschau.

Und da sah sie sie. Perfekt! Die Frau sah aus, wie eine perfekte Freundin eben auszusehen hatte! Also sprang sie auf, um die Fremde anzusprechen und sie zu sich einzuladen. Zuhause hatte sie ja noch den Discounter-Rotwein geöffnet im Kühlschrank stehen.

Und so kam es, dass sie mit der Fremden Rotwein trank, sich unterhielt und lachte. Sie lackierten sich sogar die Nägel gegenseitig. „Besser kann es nicht sein.“, kicherte sie und fühlte sich gut dabei. Denn sie glaubte, die eine Sache gefunden zu haben, die es nirgends zu kaufen gab. Wenige Zeit später verließ die fremde neue Freundin ihre Wohnung. Doch mit ihr verschwanden auch Wertsachen aus der alten Kommode im Flur, sowie ein rosa Sparschwein, das auf ebendieser Kommode gestanden hatte.

Und so kam es, dass sie plötzlich traurig war. Sie hatte sich getäuscht in der Fremden. Sie war doch perfekt! Und dennoch war sie nichts als jemand, der seine Chance wohl zu gut genutzt hatte. Enttäuscht schenkte sie sich den letzten Tropfen Wein ins Glas und dachte daran, dass ihr etwas fehlte.

Eine Sache, die es weder im Supermarkt noch im Möbelgeschäft um die Ecke zu kaufen gab. Wahre Freundschaft. Diese war wohl schwerer zu finden als sie angenommen hatte. „Die Wohnung ist ja ganz schön. Aber ziemlich einsam. Ich brauche Freunde, denen ich blind vertrauen kann. Es muss nicht immer Tage geben, an denen wir lachen oder weinen können gemeinsam. Oder an denen wir uns viel zu sagen haben. Wir müssen uns einfach nur vertrauen können.“, dachte sie und sah dabei hinweg über die Dächer ihres neuen Heimatortes.

Von Natur aus

Gegen jedes Leiden wächst ein Kraut
Und ohne Kraut wächst jedes Leiden
Wir reißen es trotzdem aus dem Boden
Und machen die Wälder platt
Wir sägen Bäume und wollen alles roden
Am Ende bleibt kein Blatt.

Allein nach Wien

Ich saß im Zug nach Wien und bereitete mich gedanklich auf den Vortrag vor. Man hatte mich gebeten, auf einem Symposium über die neuesten Ergebnisse meiner Forschungsarbeit zu referieren. Das Angebot kam ganz recht. Denn so erhielt ich die Chance, mein Projekt auch über die Landesgrenzen hinaus in der Branche bekannter zu machen. Es bestand demnach die Möglichkeit, neue Forschungsgelder an Land zu ziehen und weitere Unterstützung zu erhalten. Also hatte ich die Einladung dankend angenommen und für das Wochenende nichts weiter geplant. Wien wartete schon auf mich. 

Die Stadt und mich trennte noch eine etwa vierstündige Fahrt mit der Bahn. Eigentlich fuhr ich gerne mit dem Zug. Allerdings nicht gerade in der stressigen Ferienzeit und schon gar nicht ganze vier Stunden lang. Nichtsdestotrotz versuchte ich das Beste daraus zu machen, schließlich blieb mir keine andere Wahl. Ein eigenes Auto besaß ich nicht und auf das Flugzeug wollte ich verzichten.

Ich lehnte mich also zurück und starrte aus dem Fenster. Dabei beobachtete ich gespannt die goldenen Kornfelder der umliegenden Bauernhöfe sowie verlassene Wiesen, die durch die Sommerhitze schon langsam braun wurden. Ich stellte mir vor, wie mühsam es früher gewesen sein musste, ohne Maschinen die Felder zu bewirtschaften, um das Jahr über nicht hungern zu müssen. Wie dankbar war ich für unsere heutige Technik. Sie erleichtert uns in vielerlei Hinsicht das Leben. Was die Menschen wohl früher zu einem vollautomatisierten Mähdrescher gesagt hätten? Diese – eher rhetorische – Frage hielt sich so hartnäckig in meinem Kopf, bis meine Augen schließlich schwer wurden. 

Plötzlich schreckte ich hoch, da sich die Türe zu meinem Abteil öffnete und eine fremde Dame die kleine Parzelle betrat. Ich musste wohl eingeschlafen sein, denn wir hatten gerade eine größere Stadt passiert. Dort war sie zugestiegen. Ich rückte meine beiden Koffer zur Seite, um der jungen Frau Platz zu machen. Sie war für die heutige Zeit sehr stilvoll gekleidet, denn sie hatte einen Mantel in bordeauxrot und einen passenden Hut. Um ehrlich zu sein fühlte ich mich in Anwesenheit dieser eleganten Erscheinung sehr wohl, denn ich selbst trug den besten Anzug den ich besaß, während die anderen Fahrgäste eher auf bequeme Kleidung zurückgegriffen hatten. Die junge Frau nahm schließlich schräg gegenüber Platz und gab außer einem schüchternen Lächeln nicht viel von sich Preis. Es wirkte fast so, als würde sie gezielt versuchen jeden Blickkontakt mit mir zu vermeiden. Und wäre sie nicht so bildschön gewesen, hätte ich vermutlich ebenfalls weggesehen. Aber meine innere Stimme und mein Herz sagten mir, dass ich zumindest versuchen musste, mit ihr ins Gespräch zu kommen. Also fragte ich sie, wohin ihre Reise wohl gehen würde und ob sie denn alleine unterwegs sei. 

Die Antwort ließ jedoch auf sich warten. Die Dame machte keine Anstalten, sich auf ein Gespräch mit mir einzulassen. Vermutlich war das Fräulein einfach unsicher, da ich mich zuvor nicht vorgestellt hatte. Wie unhöflich. Also holte ich das nach und erzählte ihr von meiner Promotion und dem Vortrag, den man in Wien von mir hören wollte. Daraufhin setzte in ihrem Gesicht erneut ein vorsichtiges Lächeln ein, eine Antwort bekam ich allerdings immer noch nicht. 

Urplötzlich stand die junge Frau auf und kramte etwas aus ihrer braunen Ledertasche. Es war eine alte Schreibtafel, wie ich sie noch aus Schulzeiten kannte. Wir hatten jene Schreibutensilien früher benutzen müssen, um alle Buchstaben des Alphabets zu lernen. Das Fräulein kritzelte etwas auf die alte Tafel und schielte dabei unsicher in meine Richtung. Als sie fertig war, hielt sie kurz inne und drehte die Tafel schließlich um. Ich las: Ich fahre auch allein nach Wien. 

Als ich diesen kurzen Satz las, verstand ich, weshalb sie sich auf keine Konversation mit mir eingelassen hatte. Sie konnte es nicht. Die junge Frau war taubstumm. Sie musste wohl gut darin sein, die Lippen anderer zu lesen. „Würden Sie mich nach Wien begleiten? Wir könnten gemeinsam zu Abend essen.“, fragte ich langsam, um sicherzugehen, dass sie die Lippenbewegungen richtig interpretieren konnte. Die Schöne nickte eifrig und lächelte erneut. Dieses Mal war es aber ein selbstbewusstes Lächeln, da war ich mir sicher. 

Ich bestellte uns zwei dünnflüssige Humpen Kaffee aus der Bordkantine und wir saßen den Rest der Fahrt beisammen, während ich von meiner Arbeit erzählte und sie wie gebannt an meinen Lippen hing. Wir beide genossen die Gesellschaft des jeweils anderen und freuten uns auf die nächsten Tage. Denn wir fuhren nicht länger allein nach Wien.

Ein Leben in der Vorstadt

Wir alle haben ein Zuhause. Eine Heimat, einen Hafen, eine Herkunft. Was für Spongebob Bikini Bottom oder für Frodo das Auenland abbildet, ist für mich ein spießiger Vorort im Süden Nürnbergs. Spießig deshalb, weil der Besitz eines Reihenmittelhauses oft genauso zum Standard gehört wie die Mitgliedschaft im Sportverein. Hier aufgewachsen, müssten diese Ziele eigentlich auch auf meiner Agenda stehen. Aber statt mich auf dieses Leben einzulassen, träume ich lieber von einer zauberhaften Altbauwohnung in der Stadt. Was aber, wenn ich hier niemals wegkommen werde?

Umziehen auf eigene Gefahr! 

Wer in einem Vorort aufgewachsen ist, der kennt die Regeln: Du bist Mitglied im Verein, wohnst bis zum Ende des Studiums bei deinen Eltern und wenn du auf eigenen Beinen stehen willst, holst du dir eine Wohnung in der Nähe. In die Stadt umziehen hingegen ist nur für ganz Mutige eine Option. Denn wer einmal das Schiff verlässt, der kommt nie mehr zurück. Zumindest stellt man sich das hier vor. Denn hat jemand erstmal die Entscheidung getroffen, in die große Welt zu ziehen und die Heimat zu verlassen, werden tägliche Besuche bei Vorort-Freunden immer seltener.  

In historischen Romanen wird oft von Helden berichtet, die es in die Ferne zieht. Sie reisen nach Spanien, Indien oder sogar bis zur Antarktis. Für jene die in einem Vorort – oder gar auf dem Land – aufgewachsen sind, reicht also schon die Großstadt, um sich wie ein Abenteurer zu fühlen. Was tun, wenn man nicht den Mut hat, ein Abenteurer zu sein?

J wie Jogginghose

Man kennt sich im Vorort. Jedes Geheimnis das du erzählst, ist eine Woche später kein Geheimnis mehr, sondern gehört genauso zum wöchentlichen Tratsch wie das neue Auto des Nachbarn. Die Vorstellung, bei jedem Gang vor die Tür einen kurzen Plausch zu halten, ist eigentlich ganz nett. Es gibt dennoch gewisse Situationen, in welchen man eben nicht gesehen werden will. Wenn ich also morgens ungewaschen und in Jogginghose in den Supermarkt renne, will ich nicht, dass mich jemand kennt oder am besten noch meine Produktwahl kommentiert. Wie angenehm ist nur der Gedanke, in einer Welt zu leben, in der man anonym bleiben kann. Das würde mein Leben an manchen Tagen wirklich sehr erleichtern.

Ständig von den selben Leuten umgeben zu sein, macht es außerdem schwer, neue Freunde zu finden. Immer in den gleichen Kreisen unterwegs zu sein ist schön, weil es Halt gibt, aber man verpasst auch viele Chancen. Neue Bekanntschaften zu schließen erweitert unseren Horizont und ist die Grundlage für Neugierde und neue Erfahrungen.

Forever and never

Für immer gefangen im System: So oder zumindest so ähnlich könnte man den Zustand beschreiben, den Vororte in Deutschland aufweisen. In jeder zweiten deutschen Fernsehserie geht es um eine Gruppe Jugendlicher, die krampfhaft versucht, dem tristen Vorstadt-Alltag zu entkommen. Meistens gelingt das nicht. Und wenn doch, dann zieht es sie nach einigen Tagen, Monaten oder Jahren wieder zurück in die Heimat.

Denn es ist der Charme vieler Vororte, dem man mit der Zeit unterliegt. Es sind Eigenschaften wie Gemütlichkeit, Gemeinschaft und Geselligkeit, von denen ein jeder Vorort lebt. Sich von ihm abzuwenden wäre also nicht nur mutig, sondern in gewisser Weise auch ein Bruch mit diesen Eigenschaften. Wir sind hier aufgewachsen und wir definieren diesen Ort. Dieser muss aber nicht statisch sein – neue Menschen können das Leben mitgestalten und formen. Wir freuen uns über jeden, der sich unserer Gemeinschaft anschließen möchte. Und genau deswegen bin ich ehrlich gesagt froh, dass die Altbauwohnung nur ein Träumchen ist. Denn ich bin hier daheim. In der Vorstadt.

Die Mobilmachung

Er blickte auf seine Armbanduhr. Noch eine Stunde. Eine Stunde noch. Dann würde sich alles verändern. Alles! Schulschluss, Sommerferien und Verabschiedung. Im Klassenraum roch es nach Schweiß, Nervosität und Butterbrot. Ja eine Stunde noch, dann würden sich alle bereit machen. Vorbereiten auf das, was bald kommen würde: Die Zukunft. Genauso hatte er sich das vorgestellt. So musste es sich anfühlen, wenn man die Kontrolle besaß. Den Mut hatte, etwas Neues zu beginnen. Einen Schritt zu gehen, mit der Vergangenheit abzurechnen und mit der Schule für immer abzuschließen!

Ein leichtes Kribbeln machte sich in ihm breit. Würde denn auch alles so funktionieren wie er es geplant hatte? Oder würde alles aus dem Ruder laufen und er würde seine Entscheidung bitter bereuen? Nein. Bestimmt nicht. Er hatte so viel Zeit in seinen Plan investiert – es musste einfach klappen.

Interessiert blickte der Junge durch den Raum. Anhand der Gesten seiner Mitschüler konnte er deren Gefühle geradezu perfekt deuten. Er kannte sie alle ja schließlich gut genug. Sie waren ungeduldig, denn die Hitze im Klassenraum legte sich über ihre müden Körper. Aber die Sehnsucht nach den Sommerferien und einer neuen Zukunft hielt sie wach. Noch eine Stunde. Fast vier Jahre lang hatte er mit ihnen lernen, leben und leiden müssen. Vor allem leiden. Nie zuvor hatte er so leiden müssen wie in den letzten Schuljahren. Aber das war nun endlich vorbei!

Vorsichtig stand er auf und verließ den Raum. Alleine. Das war jetzt genau richtig. Die Situation war einfach zu ungewohnt. Generell hatte er während seiner Schulzeit viel Ungewohntes erlebt, was jedoch nach einiger Zeit zur völligen Gewohnheit wurde! Er hatte wilde Gefühle erlebt. Gefühle, die wie Wasserwellen aggressiv an Schiffen brachen und Gefühle, die mehr brannten als jedes Feuer dieser Welt. Doch nun kam die Veränderung. Etwas Neues. Fünf Minuten noch. Nur fünf, dann würde sich alles verändern.

Langsam fingen seine Mitschüler an, ihre Rucksäcke zu packen und sich gegenseitig schöne Sommerferien zu wünschen. Währenddessen hielt der Junge noch einmal vor der Tür inne. Bis er losstürmte und mit dem Revolver seines Vaters alle Zukunftsträume niederschoss.

Diese Erzählung ist meine allererste Kurzgeschichte. Zwar ist sie nicht – wie die anderen der Sammlung – extra für den Monat Juli geschrieben worden, aber sie hat sich diesen Platz verdient. Denn sie ist der Grund, weshalb ich überhaupt mit dem Schreiben anfing.

Neuer Mut im Sommer

Wir saßen am Fluss und grillten Bockwürste. Die Jungs hatten nur ihre Unterhosen an und sprangen mutig in den Fluss, um sich abzukühlen. Wir Mädchen hingegen fröstelten schon beim Anblick des noch kalten Wassers. Die Schule hatten wir heute allesamt geschwänzt, denn die Sonne schien hell und wir wollten lieber Spaß haben, als im stickigen Klassenraum zu sitzen. Also schmuggelten wir Dosenbier und eine Schachtel Zigaretten an unseren Eltern vorbei und packten alles in eine alte Stofftasche. Eine Stunde später saßen wir am Fluss.

Unsere Eltern hatten uns schon vor Tagen vor der tosenden Strömung gewarnt. Denn aufgrund des starken Niederschlags war der Fluss zu einer nicht zu unterschätzenden Gefahrenquelle geworden. Das interessierte uns allerdings kein Stück. Naja, die Jungs zumindest nicht. Wir Mädchen hatten sowieso kein Interesse daran, uns ausziehen und in das kalte Nass zu springen. Wir sahen lieber zu. 

Außer Natalie. Sie war schon immer ein bisschen sonderbar, denn sie wollte immer genau das tun, was die Jungs taten. Deshalb gab sie sich nicht mit Zuschauen am Flussufer zufrieden und zog sich die Klamotten aus. Bis auf die Unterwäsche. Dann hüpfte sie ins Wasser und lies sich mit der Strömung treiben. Als wir Natalie nach einiger Zeit aus den Augen verloren, wurden einige von uns nervös. Wo war sie hin? Ich ärgerte mich über sie, denn ihr ständiger Drang sich gegenüber den Jungs zu behaupten hatte sie schon mehrmals in Schwierigkeiten gebracht. Was sollten wir ihren Eltern sagen? Wie könnten wir das erklären?

Während ich mich in Gedanken verlor und über mögliche Ausreden nachdachte, hörte ich meine Freunde im Hintergrund hitzig diskutieren. Ihre Stimmen lösten in meinem Kopf aber nur ein dumpfes Pochen aus, sodass ich mir schließlich die Ohren zuhielt. So muss ich wohl einige Zeit dagestanden haben. Ich kann nicht sagen, ob es Minuten waren oder nur Sekunden. 

Plötzlich packte mich jemand an der Schulter und schüttelte mich so lange, bis ich wieder ganz bei mir war. Es war Natalie. Sie nahm mich bei der Hand und führte mich über die weiche Wiese zum Steg. Dort hatte sie eine alte Flaschenpost gefunden, deren Inhalt längst vergilbt war. „Ich glaube hier ist eine Karte versteckt. Lass sie uns ansehen und gemeinsam den Schatz finden.“ Grinsend hielt mir Natalie die grüne Flasche ins Gesicht und ich verstand in jenem Moment, dass Natalie genauso war, wie man im Sommer sein musste: Mutig und abenteuerlustig.